YOGA-Artikel

Yoga ist Geschick im Handeln (yoga.Zeit, 2014)

Immer wieder stoße ich bei meiner eigenen Körper-Praxis und im Unterricht auf die Frage: „Hat das noch etwas mit Yoga zu tun?“. Um mir dabei mehr Klarheit zu schaffen, finde ich es hilfreich, Yoga-Asanas durch die Brille der fünf ethischen Grundlagen (Yamas) zu betrachten. Ahiṁsā (Gewaltlosigkeit) gegenüber seinem Körper ist im Hatha-Yoga (wörtlich: Vereinigung durch Kraft) nicht unbedingt etwas Selbstverständliches –speziell dann, wenn das eigene Ego und der Lehrer einen zu Haltungen drängen, die alles andere als gesundheitsfördernd sind. Als ich mir am Anfang meiner ‚Asana-Karriere eingebildet hatte, unbedingt Ardha Matsyendrasana 3 üben zu müssen, waren meine Knie deswegen fast zwei Jahre lang beleidigt. Satya (Wahrhaftigkeit) hat mit der Kunst zu tun, die eigenen körperlichen Fähigkeiten richtig einzuschätzen.

Wozu wir unseren Körper herausfordern spiegelt oft unsere alltäglichen Lebensmuster wider. Wer intuitives Üben verlernt hat, wird entweder mit Angst bedenkliche Übungen ausführen oder aus Selbstüberschätzung Verletzungen riskieren. Asteya (Nicht-Stehlen) macht uns darauf aufmerksam, Asanas nicht für sich in Anspruch zu nehmen, auch wenn man damit Geld verdienen kann. Auf tieferer philosophischer Ebene sollte uns klar sein, dass dieser alternde und sterbliche Körper eigentlich nicht uns gehört, egal welche akrobatischen Kunststücke wir damit heute ausführen können. Er wurde uns von den Elementen nur geborgt und wird sich früher oder später wieder darin auflösen. Brahmacarya (Spiritueller Lebenswandel) beinhaltet nicht nur eine sattvische Klarheit beim Üben, sondern auch, wie sehr wir unsere körperliche Gesundheit nutzen, uns der wahren Essenz (Brahman) anzunähern. Dass dabei das Ziel nicht darin liegen kann, sich bloß körperlich fit zu fühlen, drückt Adi Shankara in Vivekachudamani unmissverständlich aus: „Wenn man das Selbst sucht, indem man diesen vergänglichen Körper hegt und pflegt, ist das, als würde man sich an einem Krokodil festklammern, das man für ein Floß hält.“

Aparigrahā (Nicht-Anhäufen) sollte unseren „Sammelwahn“ in Schranken halten. Es geht nicht darum, Asanas, Sequenzen, Yoga-Stunden, Studios oder LehrerInnen anzuhäufen, um sich damit zu brüsten oder von essentielleren Themen abzulenken. Es braucht Demut und Weisheit, um bei Krankheit und Alter nicht an alten Gewohnheiten festzuhalten, sondern die Asana-Praxis mit viel Feingefühl abzustimmen. „Yogaha Karamasu Kaushalam“ heißt es in der Bhagavad Gita (II 50): ‚Yoga ist Geschick im Handeln‘, und das beinhaltet auch den Umgang mit unserem Körper.

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Drei Arten von Yoga (yoga.Zeit, 2012)

Vor kurzem las ich in dem 1974 veröffentlichten Buch Superconscious Meditation von Swami Veda Bharati folgende Zeilen: „Derzeit sind im Westen drei Arten des Yogas bekannt. Ich bezeichne diese als Hollywood Yoga, Harvard Yoga und Himalaya Yoga.“ Diese unkonventionelle, aber treffende Unterteilung wurde zu einer Zeit gemacht, als Yoga in erster Linie noch im ursprünglichen Sinne als meditative Praxis zur Selbsterkenntnis verstanden wurde und nicht als schweißtreibendes Bodyworkout mit Musikbegleitung. Und damals wurde mit Yogasanas auch noch nicht für Kaffee oder andere modische „spirituelle Notwendigkeiten“ geworben.

Dieses Statement kam acht Jahrzehnte nachdem Swami Vivekananda (1863 – 1902) als Erster die Yoga-Philosophie nach Amerika exportierte, dabei aber seine Zuhörer ausdrücklich warnte, dass „die eigenartigen Atemübungen des Hatha-Yoga nichts anderes sind als eine Art Gymnastik“ - und das ausgerechnet in einem Land, wo heute geschätzte 20 Millionen darauf stolz sind „Yoga-Gymnastik“ zu betreiben.

Swami Veda schreibt weiter: „Hollywood Yoga ist für jene attraktiv, die einen fitten Körper, ewige Jugend und körperliche Schönheit anstreben.“ Diese Ziele sind an sich nicht verwerflich, aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass dies der eigentliche Sinn des Yoga sei. Aadil Palkhivala, einer meiner geschätzten indischen Lehrer, sagte einmal: „Ohne Asana-Praxis schwächt man den Körper, macht man davon zu viel, stärkt man das Ego.“

Es ist eine große Kunst, im Körper (und damit auch im Geist) das Gleichgewicht von Stabilität (sthira) und Entspannung (sukham) zu entfalten; es ist aber noch eine viel größere Kunst, sich damit nicht zu identifizieren. Das heißt: ganz egal wie viel Zeit und Eifer ich in meine „Yoga-Gymnastik“ stecke, die Naturgesetze von Alter, Krankheit und Tod werden mir eines Tages die Schranken setzen. Spätestens dann wird mir klar werden, wie weit ich tatsächlich durch Yoga gelernt habe, die leidvollen Spannungen (klesha) von Unwissenheit, Egoismus, Begehren, Widerstand und Angst vor dem Tode zu durchschauen und zu reduzieren.

Unter Harvard Yoga könnte man all die faszinierenden Fakten zusammenfassen, die sich wissenschaftlich beweisen lassen. Durch zu viel Wissen verlieren wir aber die Fähigkeit, unvoreingenommen den Körper zu spüren und den Geist meditativ zu beobachten, ganz ohne Vorliebe und Abneigung.

„Das letzte Ziel“, so schreibt Sami Veda, „ist zugleich auch das höchste Ziel des Himalaya Yogis, und nennt sich Samadhi, das Wissen jenes Aspektes des Selbst, welches das reine Selbst (ātman) ist“. Trotz des anhaltenden Yogagymnastik-Booms mit all den neuen Stilen und ihren heilig klingenden und heilsversprechenden Sanskrit-Bezeichnungen sollten wir uns im Westen darüber im Klaren sein: die größten Yogis waren nicht jene, die sich am eindrucksvollsten verrenken konnten. Wäre dem so, dann wären beispielsweise alle Artisten von Cirque de Soleil schon längst erleuchtet, Interessanterweise haben die größten Yoga-Meister des 20. Jahrhunderts, wie Sri Ramana Maharshi (1879 – 1950), der bekannteste Jnana-Yogi, und Sri Aurobindo (1872 – 1950), der die traditionellen Disziplinen Jnana Yoga (Yoga des Wissens), Karma-Yoga (Yoga der Tat) und Bhakti Yoga (Yoga der Hingabe) miteinander verknüpfte, den Yogasanas wenig oder keine Bedeutung zugemessen.

Bedenkt man aber, dass heutzutage ca. 30 % der Bevölkerung Rückenschmerzen hat, 60 % der Erwachsenen übergewichtig sind und dass bei Kindern Bewegungsmangel und bei Erwachsenen Burn-out häufige Krankheitsursachen sind, dann wird klar, dass eine ausgleichende Asana-Praxis ein wichtiger Schritt für ein gesundes und ausgeglichenes Leben ist. Wie weit wir uns über das populäre Hollywood-Yoga hinaus in die transformierenden Tiefen des Himalaya-Yoga wagen, entscheidet letztendlich der Sinn (dharma) dem wir unser Leben geben, und unser Verlangen nach bedingungsloser Freiheit (mokṣa).

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Yoga-Verwirrung (yoga.Zeit, 2012)

In der Bhagavad Gita, einer der ältesten Schriften des Hinduismus, die als Quintessenz der Veden gilt, wird Yoga u.a. mit „Geschicklichkeit in Aktion“ (yogaha karmasu kaushala; BhG, II, 50) definiert. Was für eine Transformation (oder Degeneration?) ist da wohl geschehen, dass die New York Times ein paar tausend Jahre später zu dem Schluss kommt, „Wie Yoga deinen Körper kaputt machen kann“ („How Yoga Can Wreck Your Body“, NYT, 5.1.2012). Wie weit die dadurch ausgelöste Welle der Empörung in der globalisierten Yogaszene berechtigt ist, muss wohl jeder für sich entscheiden. Aber auf jeden Fall bleibt die provokante Frage des Indologen Dr. Georg Feuerstein, ob „der ‚Yoga‘ den Yoga umbringt?“, so aktuell wie selten zuvor. Wann immer wir nach „Yoga“ gezielt suchen oder unabsichtlich darüber stolpern, sollten wir uns klar sein, dass dabei ein Etikettenschwindel nicht auszuschließen ist.

Die aufwändige, elegante, wunderschöne Packung scheint das Wichtigste zu sein; der Inhalt dagegen oft nebensächlich oder gar unbedeutend. Moderne „Yogapackungen“ werden gerne in Form von wunderschönen, flexiblen, kräftigen und lächelnden Model-„Yoginis“ und „Yogis“ präsentiert und verkauft, wobei die dahinter liegende Essenz und Absicht oft unklar bleibt oder in Vergessenheit geraten ist. Ist es daher verwunderlich, wenn wir in diesem gigantischen Yoga-Dschungel manchmal mehr verwirrt (und vielleicht sogar verletzt) werden, anstatt zu Klarheit und Wohlbefinden zu kommen? Beginnt man dann aus Neugierde oder Verzweiflung in den Urquellen nach zu forschen, wird man dabei leider nicht unbedingt mit Klartext belohnt. Der heutzutage so populäre Begriff Hatha-Yoga geht u.a. auf Svatmaramas Text Hatha-Yoga-Pradipika (15. Jhd.) zurück.

Spätestens nach dem 1. Kapitel „Asanas“ wird aber klar, warum der Begriff am Treffendsten mit „Anstrengung“ oder sogar „Erzwingen“ übersetzt wird. Nur wenige der darin beschriebenen sechs Reinigungsübungen (Shatkriyas), 15 Körperhaltungen (Asanas), etliche Atemübungen (Pranayama) und andere Praktiken (Mudras, Bandhas, etc) sind für den modernen Hobby- oder Halbzeit-Yogi (oder Yogini) empfehlenswert oder umsetzbar. Denn fällt es uns etwa leicht im Lotus die Arme durch die Beine zu zwängen und auf den Händen zu balancieren (Kukkuta-asana: HYP I, 24); oder als Reinigungsübung einen einige Meter langen Stoffstreifen zu verschlucken und wieder hinausziehen (dhauti; HYP II, 24)? Einige der dort beschriebenen Praktiken erscheinen uns heute so extrem, dass ein wichtiger Hinweis am Anfang steht: „Ein Yogi, der Erfolg haben möchte, halte das Wissen des Hatha-Yoga geheim. Weil er nur im Verborgenen Kraft gibt und die Kraft verliert, wenn er zur Schau gestellt wird.“ (HYP I, 11) Geht man in der Geschichte des Yogas mindestens weitere tausend Jahre zurück, stößt man unweigerlich auf die 195 komprimierten und z.T. mystischen Verse von Patanjalis Yoga-Sutra.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass ein Text, der sich ausschließlich mit Meditation und Metaphysik beschäftigt, so populär in der körperbezogenen Yogaszene wurde. Denn vergeblich sucht man darin nach Beschreibungen von wunderbar klingenden Yoga Asanas. Auf ganze drei (!) Worte hat Patanjali das reduziert, was heutzutage 85 Prozent der so umfassenden Yoga-Literatur ausmacht: sthira-sukham-āsanam: „Die (Sitz)haltung soll stabil und angenehm sein.“ (YS, II, 46). Dr. Robert Svoboda, einer der herausragendsten westlichen Sanskrit-Gelehrten, hat das Dilemma zwischen moderner Yoga-Gymnastik (die sicherlich ihre Berechtigung hat!) und Patanjalis ursprünglicher Idee so formuliert: “Im Yoga geht es heutzutage ausschließlich um große Bewegungen, aber Patanjali ging es um kleine Bewegungen; denn er betonte, dass die Aufmerksamkeit nicht in die äußere Welt (pravritti) gelenkt wird, sondern nach innen (nivritti).“

Auf die Frage in welcher asana er gewöhnlich sitze, antwortete der große jnana-yogi Sri Ramana Maharshi einmal: "Wo immer es angenehm ist, dort ist meine asana. Das nennt man sukhasana. Diese asana des Herzens ist friedlich und freudvoll. Für jene, die darin verweilen ist keine andere notwendig.“ Wenn wir über diese Essenz des Yoga reflektieren, kommt vielleicht etwas mehr Klarheit in unsere moderne bunte Yoga-Verwirrung.

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Die Kunst Yoga zu lernen und zu lehren (yoga.Zeit, 2012)

In der Bhagavad Gita, einer der ältesten Schriften des Hinduismus, die als Quintessenz der Veden gilt, wird Yoga u.a. mit „Geschicklichkeit in Aktion“ (yogaha karmasu kaushala; BhG, II, 50) definiert. Was für eine Transformation (oder Degeneration?) ist da wohl geschehen, dass die New York Times ein paar tausend Jahre später zu dem Schluss kommt, „Wie Yoga deinen Körper kaputt machen kann“ („How Yoga Can Wreck Your Body“, NYT, 5.1.2012). Wie weit die dadurch ausgelöste Welle der Empörung in der globalisierten Yogaszene berechtigt ist, muss wohl jeder für sich entscheiden.

Aber auf jeden Fall bleibt die provokante Frage des Indologen Dr. Georg Feuerstein, ob „der ‚Yoga‘ den Yoga umbringt?“, so aktuell wie selten zuvor. Wann immer wir nach „Yoga“ gezielt suchen oder unabsichtlich darüber stolpern, sollten wir uns klar sein, dass dabei ein Etikettenschwindel nicht auszuschließen ist. Die aufwändige, elegante, wunderschöne Packung scheint das Wichtigste zu sein; der Inhalt dagegen oft nebensächlich oder gar unbedeutend. Moderne „Yogapackungen“ werden gerne in Form von wunderschönen, flexiblen, kräftigen und lächelnden Model-„Yoginis“ und „Yogis“ präsentiert und verkauft, wobei die dahinter liegende Essenz und Absicht oft unklar bleibt oder in Vergessenheit geraten ist. Ist es daher verwunderlich, wenn wir in diesem gigantischen Yoga-Dschungel manchmal mehr verwirrt (und vielleicht sogar verletzt) werden, anstatt zu Klarheit und Wohlbefinden zu kommen? Beginnt man dann aus Neugierde oder Verzweiflung in den Urquellen nach zu forschen, wird man dabei leider nicht unbedingt mit Klartext belohnt. Der heutzutage so populäre Begriff Hatha-Yoga geht u.a. auf Svatmaramas Text Hatha-Yoga-Pradipika (15. Jhd.) zurück.

Spätestens nach dem 1. Kapitel „Asanas“ wird aber klar, warum der Begriff am Treffendsten mit „Anstrengung“ oder sogar „Erzwingen“ übersetzt wird. Nur wenige der darin beschriebenen sechs Reinigungsübungen (Shatkriyas), 15 Körperhaltungen (Asanas), etliche Atemübungen (Pranayama) und andere Praktiken (Mudras, Bandhas, etc) sind für den modernen Hobby- oder Halbzeit-Yogi (oder Yogini) empfehlenswert oder umsetzbar. Denn fällt es uns etwa leicht im Lotus die Arme durch die Beine zu zwängen und auf den Händen zu balancieren (Kukkuta-asana: HYP I, 24); oder als Reinigungsübung einen einige Meter langen Stoffstreifen zu verschlucken und wieder hinausziehen (dhauti; HYP II, 24)? Einige der dort beschriebenen Praktiken erscheinen uns heute so extrem, dass ein wichtiger Hinweis am Anfang steht: „Ein Yogi, der Erfolg haben möchte, halte das Wissen des Hatha-Yoga geheim. Weil er nur im Verborgenen Kraft gibt und die Kraft verliert, wenn er zur Schau gestellt wird.“

(HYP I, 11) Geht man in der Geschichte des Yogas mindestens weitere tausend Jahre zurück, stößt man unweigerlich auf die 195 komprimierten und z.T. mystischen Verse von Patanjalis Yoga-Sutra. Eigentlich ist es verwunderlich, dass ein Text, der sich ausschließlich mit Meditation und Metaphysik beschäftigt, so populär in der körperbezogenen Yogaszene wurde. Denn vergeblich sucht man darin nach Beschreibungen von wunderbar klingenden Yoga Asanas. Auf ganze drei (!) Worte hat Patanjali das reduziert, was heutzutage 85 Prozent der so umfassenden Yoga-Literatur ausmacht: sthira-sukham-āsanam: „Die (Sitz)haltung soll stabil und angenehm sein.“ (YS, II, 46). Dr. Robert Svoboda, einer der herausragendsten westlichen Sanskrit-Gelehrten, hat das Dilemma zwischen moderner Yoga-Gymnastik (die sicherlich ihre Berechtigung hat!) und Patanjalis ursprünglicher Idee so formuliert: “Im Yoga geht es heutzutage ausschließlich um große Bewegungen, aber Patanjali ging es um kleine Bewegungen; denn er betonte, dass die Aufmerksamkeit nicht in die äußere Welt (pravritti) gelenkt wird, sondern nach innen (nivritti).“ Auf die Frage in welcher asana er gewöhnlich sitze, antwortete der große jnana-yogi Sri Ramana Maharshi einmal: "Wo immer es angenehm ist, dort ist meine asana. Das nennt man sukhasana. Diese asana des Herzens ist friedlich und freudvoll. Für jene, die darin verweilen ist keine andere notwendig.“ Wenn wir über diese Essenz des Yoga reflektieren, kommt vielleicht etwas mehr Klarheit in unsere moderne bunte Yoga-Verwirrung.

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Meditation & Leben

Die fünf Kräfte der Meditation (Yoga Aktuell, 2017)

Jeder bringt unterschiedliche Voraussetzungen für die spirituelle Praxis (Sadhana) mit. Der eine versucht schon seit Jahrzehnten zu meditieren, schafft es aber trotzdem kaum, die Affen im Kopf zur Ruhe zu bringen; jemand anderer dagegen meditiert, obwohl er noch nie etwas darüber gehört oder gelesen hat. Es macht also keinen Sinn, sich mit anderen zu vergleichen. Es kann jedoch sehr hilfreich sein, über fünf Qualitäten zu reflektieren, die nicht nur die Grundlagen sondern auch das Ziel der Meditation beschreiben.

In der Satipatthana Sutta, der wichtigsten Lehrerrede des Buddha über Achtsamkeit, werden diese Eigenschaften mit Bala bezeichnet, was sowohl Kind (vergleiche: Balasana) als auch Kraft bedeutet. Diese Doppeldeutigkeit beschreibt die unvergleichliche Macht, die ein junger Mensch in sich hat. Ohne diese Kräfte zu entwickeln, werden wir früher oder später vom meditativen Pfad abkommen, egal um welche Praxisform oder Tradition es sich handelt. Auch wenn folgende Auflistung aus dem Buddhismus stammt, werde ich relevante Zusammenhänge zu anderen Weisheitstexten und zum Yoga herzustellen. Ich hoffe, dass es mir zumindest ansatzweise gelingen wird, ein so komplexes Thema nachvollziehbar zu präsentieren.

Die fünf spirituellen Kräfte (Bala)
1) Vertrauen (Pali: Saddha / Äquivalenter Sanskrit-Begriff: Bhakti)
2) Sinnvolle Anstrengung (Pali: Viriya / Äquivalenter Sanskrit-Begriff: Tapas)
3) Achtsamkeit (Pali: Sati / Sanskrit: Smrti)
4) Samadhi (= Pali / Sanskrit)
5) Weisheit (Pali: Panja) / Äquivalenter Sanskrit-Begriff: Jnana / Atma-Vichara)

Vertrauen und Hingabe: Auch wenn im Westen Intelligenz als wichtigstes Gut „verstanden“ wird, werden im Osten Saddha bzw. Bhakti als Schlüsselqualität gesehen, mit denen sich die Tore zur Spiritualität am leichtesten öffnen lassen. Manchmal müssen wir unzählige schlaflose Nächte verbracht, viele Tränen vergossen oder die ganze Palette von Leid durchlitten haben, bevor wir dieses feine Pflänzchen in uns entdecken und zur Entfaltung bringen können. Dann wird es uns leicht fallen, Hingabe gegenüber einer Lehre, einem Lehrer, Gott oder einer anderen Kraft zu erfahren, die wir großartiger als unser Ego einschätzen.

Übrigens ist Vertrauen auch jene Kraft, die dem Kritiker in uns die Argumente entzieht, und dem Zweifler die Entscheidungsunfähigkeit. Daraus entsteht eine Ruhe und Reife, die uns nicht nur an der Oberfläche des meditativen Ozeans herumstrampeln lässt, sondern wodurch wir in dessen Unermesslichkeit tiefer eintauchen dürfen. In dem Zusammenhang sollten wir uns auch bewusst machen, dass einer der wichtigsten Textsammlungen in den Veden die Upanishaden sind, was die Bedeutung hat „zu Füßen des Gurus zu sitzen, um die Wahrheit zu hören“.

Durch die Schwemme an Yoga-Ausbildungen gibt es zwar mittlerweile „zertifizierte Lehrer“ wie Sand am Meer, aber wahrhaftige Meister sind nach wie vor so schwer zu finden wie die Nadel im Heuhaufen. Nach 25 Jahren habe ich mittlerweile die Suche nach dem „perfekten“ Guru aufgegeben. Für mich sind jetzt in erster Linie die Lehren von verstorbenen Mahatmas (großartigen Wesen) oder Jnanis (Erleuchteten) zum Lehrer geworden, denen ich vertraue und nach denen ich meine Praxis ausrichte.   

Sinnvolle Anstrengung (Viriya): Sri Ramana Maharshi hat einmal gesagt: „Es gibt einen Zustand jenseits von Anstrengungen und Anstrengungslosigkeit. Solange er nicht erreicht ist, sind Anstrengungen notwendig.“ Allerdings hat in diesem Zusammenhang Bemühung wenig bis gar nichts mit physischen Übungen und schweißtreibender Praxis zu tun. So schreibt der von mir sehr geschätzte englische Sanskritgelehrte Matthew Clark in seinem Büchlein „The Origins and Practices of Yoga“: „Jnana, Bhakti und Karma-Yoga (Yoga der Erkenntnis, Hingabe und selbstloser Handlung) sind eigentlich mentale Pfade, von denen keiner Disziplin in Bezug zu Körper und Atem verlangt, aber dafür ist mentale Anstrengung notwendig, um die Vision und das Verständnis des Praktizierenden zu transformieren.“ Ich bin sogar der Überzeugung, dass zu viel physischer Eifer und Aufmerksamkeit auf den Körper die Identifikation (Asmitha / Ahankara) nur verstärkt und damit die Grundlagen für gegenwärtiges oder künftiges Leiden geschaffen werden.

Im edlen achtfachen Pfad definiert der Buddha folgende Arten der rechten Anstrengung (Samma Vayama): Das Kultivieren von heilsamen Zuständen; die Erhaltung von jenen, die bereits vorhanden sind; die Aufgabe von unheilsamen Zuständen; das Verhindern von jenen, die nicht da sind. Natürlich sollten wir auch im Alltag versuchen, Hindernisse (Nivarana) wie Begehren, Ablehnung, Trägheit, Unruhe und Zweifel zu transzendieren (Siehe yoga aktuell, Okt./Nov. 2016) und die hier beschriebenen fünf Kräfte zu kultivieren.

Achtsamkeit (Sati) ist die Grundlage der buddhistischen Meditation und beinhaltet Körper, Gefühle, Geist und alle sonstigen Phänomene und Wahrheiten, die man sich bewusst machen kann. Es hängt von unserer Konzentrationsfähigkeit ab, wie sehr wir uns auf etwas fokussieren können - egal ob weltlicher oder spiritueller Natur - oder ob wir uns in dem so faszinierenden Kaleidoskop der Sinneswelt ständig verlieren.

Wenn wir in unserer Praxis ein höheres Ziel vor Augen haben, als nur den endlosen und willkürlichen Gedankenstrom zu beruhigen, dann sollten wir uns nicht nur auf ein Meditationsobjekt versteifen. Denn wie sollte sich eine dualistische Methode, die Subjekt und Objekt als Grundlage hat, in einen nicht-dualen Zustand (Advaita) von göttlicher Einheit (Brahman), Moksha (Befreiung) oder Nirwana (Auslöschung) transformieren? Das heißt, irgendwann müssen wir den ungewöhnlichen Looping schaffen, den Beobachter zu beobachten, um zum transpersonalen Selbst-Bewusst-Sein (Atma-Vichara) zu werden. Da diese introvertierte Ausrichtung universal und zeitlos ist, stand sie u.a. schon auf den griechischen Tempeln: „Gnotis auton!“: Erkenne dich selbst!
Samadhi hat im Sanskrit-English Dictionary über 40 Bedeutungen, wobei mir „falling in place“ am stimmigsten erscheint. Wie dehnbar dieser Begriff ist, wird klar, wenn z.B. der buddhistische Weg in drei Abschnitte eingeteilt wird: Ethik (Sila) am Anfang, Erkenntnis (Panja) am Ende, und Samadhi als umfangreiche Brücke dazwischen. Nicht unähnlich hat Patanjali das erste Kapitel des Yoga-Sutra „Samadhi-Pada“ genannt, wo in 51 Versen unterschiedlichste spirituelle Aspekte erklärt werden.

Im Rahmen der fünf Bala wird Samadhi für meditierende Vollprofis, d.h. Einsiedler und Mönche, als tiefer Versenkungszustand verstanden, auch Nirvikalpa Samadhi genannt: gedankenloses Bewusstsein. Aber für uns Hobby-Yogis, die mit viel Leidenschaft in der Welt verstrickt sind, verstehe ich darunter auch den mentalen Zustand von Sattvaguna. Denn trotz mancher Gedanken stellt sich dabei wohltuende Gelassenheit und Bewusstsein ein.

Ergänzend möchte ich hier Sahaja (natürliches) Samadhi erwähnen, jenen Zustand, in dem das Ego unwiderruflich ausgelöscht wurde und gleichbedeutend mit Nirwana ist. Deswegen wird auch der physische Tod eines Jnanis (Erleuchteten) Maha-Samadhi genannt und seine Grabstätte Samadhi.

Weisheit (Panja) bedingt, dass wir uns von den Verwicklungen mit der Welt emanzipieren (Kaivalya) und unsere unvergängliche Essenz wiederentdecken. So wie die Sonne immer scheint, aber durch Wolken, die Erde oder manchmal durch den Mond verdeckt wird, so ist unser wahres Wesen (Sat, Atman, Brahman) von leidverursachenden Trübungen (Klesha) wie Unwissenheit, Ichhaftigkeit, Begehren, Ablehnung und Angst überlagert.

Im Buddhismus wird Vipassana, d.h. Einsichtsmeditation, als wichtigster Fluchtweg aus dem Samasara gesehen. Mit klarem Verstand erkennt man, dass alle Phänomene vergänglich sind (Aniccha), Nicht-Ich (Anatta) und Leidhaft (Dukkha), solange man sich damit identifiziert. In den Upanishaden wird diesbezüglich Atma Vichara, d.h. Selbsterkenntnis, als besondere Methode hervorgehoben. „Wenn man sich die Frage “Wer bin ich?” stellt, dann geht der Geist zu seinem Ursprung zurück und aufgestiegene Gedanken kommen zur Ruhe. Wird diese Übung ständig praktiziert, dann entwickelt der Geist die Fähigkeit, in seinem Ursprung zu verweilen.“ (Sri Ramana Maharshi)

Ergänzende Zusammenhänge
Die fünf Kräfte der Meditation sind nicht nur stufenartig zu verstehen, sie bedingen und unterstützen sich auch gegenseitig. So kann man diese Qualitäten mit einer Balkenwaage, die zwei Balken und vier Waagschalen hat, vergleichen: Die mittlere Stütze repräsentiert Achtsamkeit (Sati); das eine Waagschalen-Paar hält Anstrengung und Samadhi in Balance, das andere Vertrauen und Weisheit. Dem Yoga-Sutra (1,12) nach soll beharrliches Üben (Abhyasa) mit Losgelöstheit (Vairagya) ausgeglichen werden; und Vertrauen mit Weisheit, denn Glaube sollte in eigenständiger Erkenntnis resultieren, die wiederum den Glauben bestärkt.

Interessanterweise werden in der Bhagavadgita Jnana- und Bhakti-Marga als zwei eigenständige Wege beschrieben, die beide zum gleichen Ziel führen. Es an unserem karmischen Gepäck und gegenwärtigen Charakter, ob wir unsere spirituellen Kräfte eher durch hingebungsvollen Glauben oder durch klare Erkenntnis gewinnen.

Zum Abschluss möchte ich die letzten vier von Buddha beschriebenen Kräfte mit den ersten drei Versen des Yoga-Sutra vergleichen, in denen Patanjali sagt: Yoga ist eine Disziplin (Anuśāsanam = Viriya) die im Jetzt (Atha = Sati) praktiziert wird. Dann werden die Gedanken zur Ruhe kommen (Citta-vṛtti-nirodha = Samadhi) und der Sehende (Draṣṭuḥ) wird in seiner eigentlichen Natur (Svarupe) verweilen (= Panja).

Wenn uns das zumindest ansatzweise gelingt, dann sind wir auf unserem spirituellen Weg bestens gerüstet und können kurzweilige Trends, schnelle Heilsversprechen und esoterische Phantasien getrost hinter uns lassen. Alles Weitere wird sich dann früher oder später von selber lösen.

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Die fünf Hindernisse der Meditation (Yoga Aktuell, 2016)

„In dem Moment des Zustimmens verwandelt sich eine Grenze zu einem Durchgang und entfaltet ganz unerwartet essentielle Qualitäten.“ Richard Stiegler Vermutlich wirst auch Du beim Versuch, die kleine Zehe in den unendlichen Ozean der Meditation zu stecken, festgestellt haben, dass die Einnahme einer meditativen Haltung und das Schließen der Augen nicht automatisch bedeuten, dass sich Stille und Klarheit einstellen. Dennoch ist ein äußerer Rahmen und eine entsprechende Position eine ideale Voraussetzung, um Achtsamkeit zu entfalten und den Yogaweg einzuschlagen, der nach innen führt. Im Yoga-Sutra von Patanjali wird dies durch die ursprüngliche Definition von Asana als Meditationssitz, der aufrecht und entspannt sein soll, eindeutig unterstrichen („sthira-sukham-āsanam“ II, 46). Wer sich bemüht, den gewohnten Alltagsgeist zu transzendieren und sich auf das unbekannte Abenteuer der Meditation einlassen will, wird dabei immer wieder mit unangenehmen, mentalen Phänomenen in Berührung kommen.

In der „Satipatthana Sutta“, einer der wichtigsten buddhistischen Lehrreden über die vier Fundamente der Achtsamkeit, werden fünf solcher Hindernisse oder Hemmungen beschrieben. Diese werden als Realitäten (Dharma) gesehen, die wir nicht nur mit Klarheit erkennen, sondern auch mit Weisheit transzendieren können. Es liegt also an uns, diese Grenzen in Tore zu einer tieferen Bewusstseinserfahrung zu verwandeln.

Die fünf Hindernisse (Nīvarana) sind:
1) Sinnliches Begehren (Kāmachanda)
2) Ablehnung (Vyāpāda)
3) Trägheit und Lethargie (Thīna-Middha)
4) Unruhe und Gewissensbisse (Uddhacca-Kukkucca)
5) Zweifel (Vicikicchā) Sinnliches Begehren

Der Buddha hat dieses Meditationshindernis mit schillernder Farbe verglichen, die uns daran hindert, durch die Wasseroberfläche in die Tiefe blicken zu können. Wir werden im Leben von unterschiedlichsten Wünschen so sehr auf Trapp gehalten, dass es uns gar nicht mehr bewusst ist, wie sehr wir – ähnlich wie ein im Wald freilaufender Jagdhund mit hängender Zunge - einer Fährte nach der anderen nachjagen. Auch wenn wir uns als rationale, erwachsene Menschen sehen - unser Geist benimmt sich manchmal immer noch so wie ein kleines, nörgelndes Kind, und unsere schnelllebige Überflussgesellschaft tut ihr Übriges, so dass wir Disziplin, Geduld und Langsamkeit wenig Beachtung schenken. Wenn unser Wille uns für eine bestimmte Zeit auf dem Meditationskissen „festnagelt“, dann lösen sich zwar unsere sinnlichen Gelüste nicht sofort auf, aber wir haben die Möglichkeit, sie mit einer inneren Distanz zu durchschauen.

Ablehnung So wie einige Menschen im Leben eher damit beschäftigt sind, ihren Wünschen nachzulaufen, so sind andere mehr darauf fixiert, Unangenehmes abzuwehren, aufzulösen oder sich zumindest darüber aufzuregen... und in der Meditation ist es nicht anders: der eingeschlafene Fuß, das Schnarchen eines „Mitmeditierenden“, die Erinnerung an die letzte Auseinandersetzung, etc. Brodelndes Wasser ist das Gleichnis für Ablehnung, die sich bis zur kochenden Wut steigern kann. In einem meditativen Zustand können wir am ehesten die Tatsache erkennen, dass das Problem nicht die eigenen Schmerzen oder störende Umstände sind, sondern unsere innere Haltung. Weisheit, Liebe und Gelassenheit sind nicht nur bei einer formalen Meditationspraxis die besten Heilmittel, um mit diesem nervigen Hindernis umzugehen. Ein indianisches Sprichwort bringt dies so auf den Punkt: „Um unsere Füße zu schützen, müssen wir entweder die ganze Welt mit Leder auslegen – oder: Mokassins tragen, die uns unverletzt den Weg durchs eigene Leben gehen lassen.“ Allerdings beschränken sich die meditativen Hemmungen von Begehren und Ablehnung nicht nur auf profane, sinnliche Eindrücke; das Verlangen nach sattvischen Qualitäten wie Stille und Zufriedenheit oder die Abneigung gegenüber der eigenen Unruhe und Achtlosigkeit sind genauso Hindernisse, die es zu erkennen und zu überwinden gilt, auch wenn diese etwas unscheinbarer und edler erscheinen. Trägheit und Lethargie Dieser Geisteszustand wird mit moosbedecktem Wasser verglichen und ist von den fünf Hindernissen am schwierigsten zu überwinden, da dazu meist die Kraft der Achtsamkeit fehlt. In den über 15 Jahren, in denen ich Meditation unterrichte, konnte ich beobachten, dass die wenigsten Meditationsanfänger von selbst in eine meditative Ruhe (Sattva) kommen.

Nach kurzer Zeit des „Stillsitzens“ werden die meisten von einer inneren Unruhe mitgerissen (Rajas) oder versinken in einer bewusstlosen Trägheit (Tamas). Diese Trägheit steht aber nicht unbedingt mit dem vielleicht ungewohnten oder langweiligen Mediationsobjekt in Zusammenhang. Die Ursache kann auch eine unbewusste Reaktion des Geistes sein, um sich nicht mit unangenehmen, unterdrückten Themen konfrontieren zu müssen, die im meditativen Rahmen auftauchen können. Meist ist aber einfach nur Schlafmangel der Grund für eine schläfrige Mediation, bei der Körper und Geist die notwendige Erholung von Stress und Überaktivität nachholen. Dabei macht es wenig Sinn zu versuchen, mit ausgefeilten Methoden die Müdigkeit zu bekämpfen. Die Ursache dafür muss behoben und ein ausgeglichener Lebensrhythmus gefunden werden. Moderne mentale Störungen wie „Time Compression Syndrom“ und „FOMO“ (Fear Of Missing Out) sind dafür verantwortlich, dass mittlerweile bei vielen Menschen die Lebensbatterie beunruhigend leer und die „Lebensmüdigkeit“ erschreckend groß ist. Auch Yogapraktizierende sollten selbstkritisch hinterfragen, ob vielleicht eine zu anspruchsvolle physische Praxis ein Grund für dieses Meditationshindernis ist.

Unruhe und Sorge Robert Adams hat einmal in einem Satsang gesagt: „Dein Geist (mind) ist eine Anhäufung von vergangenem Karma, vergangenen Gedanken und künftigen Sorgen. Daher solltest du dich nicht auf deinen Geist verlassen.“ Da Bewegung das Naturell des Geistes ist, hat der Buddha ihn mit einem Affen verglichen, der sich unermüdlich von einem Ast zum nächsten hangelt . . . und über diese Tatsache sollten wir uns gerade in der Meditation – im wahrsten Sinn des Wortes – nicht zu viele Gedanken machen. Karen Kingston schreibt in ihrem Buch „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“: „Psychologen schätzen, dass der durchschnittliche Mensch ungefähr 60.000 Gedanken pro Tag hat. Leider sind 95 Prozent davon exakt dieselben Gedanken, die er gestern schon hatte.“ Daraus können wir schließen, wie ineffizient wir unseren Geist nutzen und wie sehr wir unter der Diktatur des eigenen Denkapparates stehen. Die eingebildete Illusion (Maya) über uns und die Welt geben ihr so viel Kraft, dass sie zu unserem leidhaften Schicksal wird. Bildlich gesprochen genügt schon eine sanfte Brise auf einer Wasseroberfläche, um den Blick auf die Realität zu verhindern. Daher braucht es beim Meditieren anfänglich gezielte Konzentrationsübungen, um das faszinierende und stürmische Gedankenspiel zu durchschauen und zu beruhigen. Gewissensbisse gehören ebenfalls zu diesem vierten Nivarana. Denn wie sollten wir uns einer meditativen Ruhe annähern, wenn unser Leben von unethischem Verhalten bestimmt ist. Von dieser Problematik sind auch Mönche, Gurus und Yogameister nicht gefeit, auch wenn einige von ihnen sich wie Erleuchtete verhalten und Gläubige sich von Äußerlichkeiten leicht blenden lassen. Um ein Musikstück spielerisch zu beherrschen, muss man lange und intensiv üben; ähnlich kann durch eine regelmäßige Meditationspraxis die Kunst der Achtsamkeit erlernt werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass erst jahrelanges Üben oder stundenlanges Sitzen notwendig ist, um die Essenz des Yoga durch Geistesberuhigung zu erleben („yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ“, YS, I,2). Jeder Augenblick birgt das Potential in sich, mit unserer essentiellen Natur der Stille in Kontakt zu treten und ist daher das einzigartige Tor zur bedingungslosen Glückseligkeit (Ananda). Zweifel Der Buddha hat Zweifel mit schlammigem Wasser verglichen und manchmal setzen sich unsere mentalen Schmutzpartikel erst durch inneres Vertrauen und nicht durch intellektuelles Wissen ab. In unserer Gesellschaft, wo fast alles analysiert und hinterfragt wird, fehlt oft das Vertrauen, dass Meditation, ein – wenn auch unscheinbares und unspektakuläres – Werkzeug ist, um mit sich und dem Augenblick in Harmonie zu kommen. Sogar viele Yogapraktizierende im Westen haben Zweifel, dass es neben Körper- und Atemübungen noch feinere Aspekte im Yoga gibt, die nach innen führen („Antaranga“). Dr. Robert Svoboda, einer der herausragendsten Kenner indischer Philosophie, hat dieses Dilemma zwischen moderner Yoga-Gymnastik und Patanjalis ursprünglicher Idee so formuliert: “Im Yoga geht es heutzutage ausschließlich um große Bewegungen, aber Patanjali ging es um kleine Bewegungen; denn er betonte, dass im Yoga die Aufmerksamkeit nicht in die äußere Welt (pravritti) gelenkt wird, sondern nach innen (nivritti).“ Wenn wir regelmäßig meditieren, sehen wir den Zusammenhang zwischen den Gedanken und Widerständen, die wir im Alltag erleben und jenen, denen wir in der Meditation begegnen; denn naturgemäß nehmen wir unsere hinderlichen Gewohnheitsmuster mit auf das Meditationskissen.

In diesem besonderen Rahmen besteht jedoch die große Chance, ihnen mit Achtsamkeit, Freundlichkeit und Geduld zu begegnen und sie so klar zu durchschauen, dass sie sich früher oder später von selbst verabschieden - wie Gäste, die spüren, dass sie nicht mehr erwünscht sind. Zum Abschluss möchte ich den Sufi-Mystiker Rumi zu Wort kommen lassen, der mit viel Humor und Weisheit den Umgang mit Gefühlsstimmungen so beschrieb: „Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Freude, Kummer und Niedertracht - auch ein kurzer Moment der Achtsamkeit kommt als unverhoffter Besucher. Begrüße und bewirte sie alle! Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist, die gewaltsam alle Möbel aus deinem Haus fegt, erweise dennoch jedem Gast die Ehre. Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit - begegne ihnen lachend an der Tür und lade sie zu dir ein. Sei dankbar für jeden, der kommt, denn alle sind dir zur Führung geschickt worden aus einer anderen Welt.

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Meditation aus der Perspektive eines ehemaligen buddhistischen Mönches (Evidero, 2016)

Eine autobiographische Annäherung

Vorweg möchte ich anmerken, dass meine persönliche meditative Praxis auch nach drei Jahrzehnten von menschlichen Emotionen und Denkgewohnheiten gefärbt ist; und trotzdem bin ich der Überzeugung, dass es kein effektiveres Mittel gibt, Leiden zu transzendieren und Zufriedenheit zu erleben. Aus diesem Grund ist für mich ein Leben ohne Meditation nicht vorstellbar. Mit Meditation im Fluss des Lebens präsent sein und Zufriedenheit erlangen „Haben oder Sein?“ von Erich Fromm war jenes Buch, welches mich im Alter von 16 Jahren auf den spirituellen Weg gebracht hat und diese essentielle Frage begleitet mein Leben bis heute: Will ich es besitzen, festhalten, kontrollieren und manipulieren, oder ist es mir möglich, mich dem Fluss des Lebens hinzugeben, mit dem sein zu können, was sich gerade in mir und um mich herum präsentiert? . . . Vielleicht sogar in dem doppeldeutigen Sinne des englischen Wortes ‚present‘, was sowohl ‚Gegenwart‘ als auch ‚Geschenk‘ bedeutet. Inspiration, Neugierde, Courage und Geduld ebnen den individuellen spirituellen Weg Schon in der Mittelschule nahm ich mir morgens regelmäßig die Zeit für ein paar Minuten einfach in Stille zu sitzen, was mir manchmal mehr und manchmal weniger gut gelang.

Ich hatte damals niemanden, den ich über Meditation fragen konnte und die Literatur zu diesem exotischen Thema war auch sehr beschränkt. Und trotzdem hatte ich schon als Jugendlicher eine große Neugierde, die notwendige Courage und Geduld, immer wieder einfach nur mit mir und meinem oft unruhigen und verwirrten Geist alleine zu sein. Und trotz aller Hindernisse hatte ich intuitiv das Gefühl, dass dieses tägliche „Rendezvous mit mir selbst“ etwas ganz besonderes ist . . . und tatsächlich entfaltete sich daraus einer der wichtigsten Grundsteine für meinen spirituellen Weg. Jahrtausendalter Buddhismus als Inspirationsquelle für eine moderne Spiritualität Nach dem Schulabschluss machten sich in mir zwei Kräfte stark, die mich schließlich aus den damals üblichen und bekannten Lebensbahnen herausrissen: Die Überzeugung, dass nichts von dem, was mir an Studien- und Berufsmöglichkeit offen stand, mich zufriedenstellen würde; und die Ahnung, dass es im Leben mehr gibt, als wir über unsere Sinne wahrnehmen. Da es in mir eine große Sehnsucht gab, die mir bekannte und leidvoll erscheinende Welt zu transzendieren, aber mir dazu die Anleitungen und die Klarheit fehlten, rutschte ich mit 20 Jahren in eine Lebenskrise, die sich erst mit der „Entdeckung“ des Buddhismus legte. Da der Buddha eigentlich nur zwei Dinge lehrte, „Was ist Leiden (Dukkha), und wie kann ich es auflösen“, war diese Botschaft für meine unbefriedigende Lebenssituation ein idealer Ausgangspunkt. Schließlich beschloss ich, buddhistischer Mönch in Asien zu werden, denn ich hatte das Gefühl, in meiner bekannten Umgebung weder etwas zu verlieren, noch zu versäumen.

Außerdem wurde meine kompromisslose Entscheidung dadurch unterstützt, dass der Buddha seine Lehrreden (Dhamma) in erster Linie an jene gerichtet hatte, die den Schritt in die Hauslosigkeit gegangen waren. (Mit dem Pali-Begriff “Anagarika” (Hausloser) wird jemand bezeichnet, der seinen ganzen weltlichen Besitz und seine weltlichen Bindungen hinter sich gelassen hat, um sein Leben ausschließlich der Spiritualität und dem Streben nach Erleuchtung zu widmen.) Das Zuhause, die Familie, die Freund zurücklassen, um buddhistischer Mönch zu werden Um diesen radikalen Lebenswandel wirklich in die Tat umzusetzen und um mein gewohntes Zuhause, meine Familie und Freunde, meine Heimat und meine Kultur hinter mir zu lassen, war ein unerschütterliche Glaube an Karma (das Gesetz von Ursache und Wirkung) und Samsara (durch Karma bedingte Wiedergeburt) ausschlaggebend. Dadurch verschwanden meine Ängste, dass ich nur Spielball undurchschaubarer Kräfte sei und die materialistische Einstellung, dass es nur dieses Leben und diese Welt gäbe. Auch wenn ich mit der Zeit irritiert bemerken musste, dass auch der Geist eines Mönches extrem kreativ sein kann, sich von einer meditativen Praxis abzulenken. Speziell da ich als Mann gerade in den „besten Jahren“ stand.

Jedoch gab mir die buddhistische Lehre über Achtsamkeit und Meditation eine unersetzbare Stütze auf meinem ungewöhnlichen und meist einsamen Weg. Vier Kategorien der Achtsamkeit und drei Arten von Meditationen lehrte der Buddha Der Buddha hat die Achtsamkeit (Sati) in vier Kategorien unterteilt:

● Achtsamkeit in Bezug zum Körper

● zu Gefühlen

● zu geistigen Phänomenen

● zu anderen essentiellen Gesetzmäßigkeiten

die man durch meditative Ruhe und Gelassenheit beobachten kann. Zusätzlich hat er drei Arten von Meditationen gelehrt: 1. Kontemplation zu unterschiedlichen Themen wie „Liebende Güte“ (Metta-Bhavana) oder „Tod und Sterblichkeit“ (Marananu-Sati). 2. Konzentration auf ein bestimmtes Meditationsobjekt (Samatha), um den Geist vom end- und ziellosen Herumirren zu einer gewissen Ruhe zu bringen. Dabei ist die Achtsamkeit auf den Atem (Anapana-Sati) einer der wichtigsten Übungen, da der Atem als Spiegel der Seele (Atman) gilt und immer beobachtbar ist. 3. Die Einsichtsmeditation (Vipassana) ist die Essenz der buddhistischen Lehre; dabei werden mit meditativer Ruhe und Gelassenheit drei Qualitäten beobachtet: Alle Phänomene sind im Wandel (Aniccha) und daher letztendlich nicht zufriedenstellend (Dukkha). Außerdem wird die „Ichlosigkeit“ (Anatta) erfahren und dabei erkannt, dass weder dieser Körper-Geist-Komplex, noch all das, was man durch ihn erfährt, tatsächlich „Ich“ bin oder „Mir“ gehört.

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Puruṣārtha: Die vier Schätze des Menschseins (Yoga Aktuell, 2016)

Die Kunst im Leben, die richtigen Prioritäten zu setzen

„Die Ursache aller Probleme liegt in mir – die Lösung aller Probleme liegt in mir!“ Der Begriff Puruṣārtha besteht aus zwei Worten: Purusha bedeutet hier „Mensch“ und Artha „Schatz“ oder „Ziel“. Darunter verstanden werden vier Bereiche, die schon in den zwei wichtigsten Epen des Hinduismus, Ramayana und Mahabharata, als einzigartige Schlüssel gesehen wurden, um Klarheit und Zufriedenheit in die Komplexität des Lebens zu bringen:

1) Artha = Grundbedürfnisse, materielle Sicherheit, Reichtum
2) Kāma = Sinnliche Freuden, Lust, Leidenschaft, Ästhetik, Liebe
3) Dharma = Pflicht, Ethik, Lebenssinn
4) Moksha = Befreiung

Auch wenn Dharma wichtiger als Artha und Kāma gesehen wird und Moksha als das endgültige Ziel menschlichen Lebens, so sind doch in jedem von uns alle Bereiche potentiell vorhanden. Es liegt also an mir, ob ich diese entdecken, wie bewusst ich damit umgehen und ob ich sie in einer heilsamen Art zur Entfaltung bringen kann. Artha: Zunächst geht es darum, die Grundbedürfnisse so zu befriedigen, dass wir nicht nur überleben, sondern uns in unserem Leben wohlfühlen. Heutzutage sind wir von so viel materiellem Zeug umgeben, dass wir zwischen Notwendigkeit und Luxus oft nicht mehr unterscheiden können. Aber für einen Großteil der Menschheit - und unseren Vorfahren ist es nicht anders ergangen – geht es noch immer ums blanke Überleben. Und so sind meine regelmäßigen Reisen nach Indien ein guter Gradmesser, mit wie wenig ich mich im Leben reich und beschenkt fühlen kann. Als buddhistischer Mönch bin ich immer wieder daran erinnert worden, dass ein Bhikkhu eigentlich nur vier Requisiten braucht, um sich ganz der spirituellen Praxis widmen zu können: Mönchskutte, Almosenschale, Medizin und einen Unterschlupf, der manchmal bloß ein Baum oder eine Höhle war. Auch wenn die Aussage des Buddha „Zufriedenheit ist der größte Reichtum“ nach meiner Rückkehr ins weltliche Leben ein Leitfaden geblieben ist, habe ich dennoch einiges Unnötige angesammelt.

Da aber zum Glück Wohnung, Kleiderschrank und Kühlschrank eine beschränkte Größe haben, hält sich dies im überschaubaren Rahmen. Und es liegt ausschließlich an mir - und nicht an den neuesten Trends und cleveren Werbeslogans - ob ich mich für sinnlose Quantität entscheide oder bewusst Qualität und Minimalismus wähle. Kāma: Dass sinnlicher Genuss als spiritueller Wert gesehen wird, ist der unglaublichen Vielfalt der indischen Philosophie zu verdanken. Der Mensch ist mit wunderbaren Sinnesorganen ausgestattet und es ist eine hohe Kunst, diese im rechten Maß zu verwenden. Dazu schreibt Charles Eisenstein in seinem Buch „The Yoga of Eating“: „Wenn du Essen sorgfältig kaust, um es mehr genießen zu können, dann machst du dabei eine tiefere und vollere Erfahrung der Geschmacksrichtungen und erfüllst dabei dein Bedürfnis nach sinnlicher Nahrung. Naturgemäß wirst du dadurch weniger und einfacheres Essen brauchen. Nicht aus Selbstentsagung, sondern weil du schon vom Einfachen so begeistert bist.“ Je sattvischer, d.h. je achtsamer und zufriedener, unser Geist ist, desto mehr Freude können wir schon bei alltäglichen und einfachen Erfahrungen erleben. Wir brauchen nichts Großartiges, Lautes, Schnelles oder Schrilles.

Der Anblick eines Baumes, das Plätschern eines Baches, der Duft einer Blume oder die Berührung einer Hand genügen, damit wir Zufriedenheit und Dankbarkeit spüren. Der britische Hindu-Gelehrte Gavin Flood erklärt dies zusammenfassend so: „Kāma ist die ‚Liebe‘, die weder Dharma noch Artha behindert, und auch der Reise in Richtung Moksha nicht im Wege steht.“ Wenn der Sinn des Lebens darin besteht, so viel wie möglich an Materiellem anzuhäufen und an Sinnlichem zu genießen, dann werden wir von allen möglichen emotionalen Hochs und Tiefs durchs Leben getrieben und gelockt: vom Aufwachen bis zum Einschlafen, vom ersten bis zum letzten Atemzug. Dennoch wird es immer wieder Situationen geben, die uns dazu bringen oder zwingen im Lebensrausch inne zu halten, um unter die schillernde Oberfläche zu blicken: Krankheit, Tod, Jobverlust, Trennung oder ähnlich prägenden Erfahrungen. Dharma bedeutet zunächst einmal all das zu akzeptieren und zu respektieren, was dazu dient, die Harmonie und Ordnung der Welt zu erhalten.

Einerseits sind damit Verpflichtungen gemeint, die wir gegenüber Familie, Gesellschaft und Umwelt haben, andererseits wird darunter auch ethisches Verhalten verstanden. Wie sehr spielt z.B. eine altruistische Haltung mit, wenn ich mir materiellen Wohlstand (Artha) schaffe und mich sinnlichen Genüssen (Kāma) hingebe? Oder lebe ich mein bürgerliches Glück so aus, wie es Arik Brauer auf Wienerisch einmal gesungen hat: „Er hod a klanes Häusl in der greanen Au / Er hod an guten Posten und a dicke süße Frau / Er tut si bei der Arbeit net de Händ verstauchen / Er kaun an jeden Sundog a Virginia rauchen / Do sogt da mir gehts guat, auf de aundan hau i in Huat.“ Erst wenn mir bewusst wird, dass jede Handlung (Karma) Folgen hat und mich mit anderen und der Welt verbindet, vernetzt oder verknotet, werden Ahiṃsā (Gewaltlosigkeit) und Maitrī (Güte) die Grundlage meines Handelns und Strebens werden. Auf Bio, Fairtade, Regionales und Saisonales zu achten, ist dabei das Mindeste, was jeder von uns tagtäglich machen kann. Dharma bedeutet aber auch, sich den essentiellen Fragen des Lebens ehrlich zu stellen: „Warum bin ich hier? Was ist meine Berufung und der Sinn meines Lebens? Welche individuelle Rolle wurde mir im kosmischen Orchester zugeteilt?“ Seligkeit (im Englischen „bliss“) ist dabei die wichtigste Richtschnur und Joseph Campbell, der sein ganzes Leben den menschlichen Geist und Mythologie studiert hatte, sagte darüber:

„Ich bin auf diese Idee von Seligkeit gekommen, weil es in Sanskrit - welches die großartigste spirituelle Sprache der Welt ist - drei Definitionen gibt, die den Absprungplatz in den Ozean der Transzendenz definieren: ‚sat-chit-ananda‘, was ‚Existenz-Bewusstsein-Seligkeit‘ bedeutet. Ich dachte, ‚Ich weiß nicht, was mit Existenz und Bewusstsein wirklich gemeint ist, aber ich weiß, wie sich Seligkeit anfühlt. Daher will ich mich nach ihr orientieren, und die wird mir beides bringen: Bewusstsein und Existenz‘.“ Niemand kann diesen gordischen Knoten für mich lösen; und in der Vergangenheit hat mich so mancher Ratschlag von jenen, die es am besten mit mir meinten, in die falsche Richtung oder gar in die seelische Wüste geschickt. Bei dieser einsamen Wegsuche und beim aufmerksamen Lauschen auf die leise Stimme meines Herzens muss ich Verlockungen, Gewohnheiten, Ansehen und Verdienst widerstehen können. Nur dann wird es mir möglich sein, mich jenen Lebensaufgaben zu widmen, die ich auch am Ende meines Lebens nicht bereue.

Moksha wird als der wichtigste aller menschlichen Schätze angesehen, da diese Art von Befreiung, Auslöschung (Nirwarna) oder Einswerdung (Advaita) mit dem Göttlichen (Brahman) weder vergänglich, noch in irgendeiner Form persönlich ist. Diese Sehnsucht nach ewigem und bedingungslosem Glück ist zwar in jedem von uns verankert. Aber meist sind wir zu sehr mit dem menschlichen Drama und Traum und mit all seinen Freuden und Leiden, Versuchungen, Befriedigungen und deren endlosen Wiederholungen verhaftet. Tatsächlich sind es nur wenige, die die Leidhaftigkeit von Lila, Māyā und Samsara - dem Spiel, der Illusion und dem Kreislauf des Lebens - durchschauen und mit Wille und Disziplin danach streben, die vergänglichen und begrenzten Schätze des Menschseins zu transzendieren – und zwar alle. Übung für den Alltag: (nach Richard Stiegler - www.seeleundsein.com): Verantwortung im Alltag heißt, sich um folgende vier grundlegende Bedürfnisbereiche so sorgfältig zu kümmern, dass sich daraus ein erfülltes und harmonisches Lebensgefühl entfaltet:

1) Elementare Bedürfnisse: Lebensraum, Kleidung, Essen, Bewegung, Entspannung etc.
2) Beziehungen: Familie, Freunde, soziales Netz, wahrhaftiger Austausch, Nehmen & Geben etc.
3) Anforderungen: Beruf, materielle Verantwortung, Verbindlichkeiten, Pflichten etc.
4) Spiritualität: Alleinsein, bewusstes Nichtstun), spirituelle Praxis, Einkehr, Sinnfrage etc.

Schreibe auf, wie diese einzelnen Bereiche deinen Alltag bestimmen und reflektiere, ob bestimmte Punkte dein Leben überproportional beeinflussen. Was kommt zu kurz oder ist gar nicht vorhanden, obwohl es dir wichtig erscheint? Welche Möglichkeiten stehen dir zur Verfügung, dieses Ungleichgewicht auszugleichen?

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Stille trotz Lärm (yoga.Zeit, 2014)

„Nie hatte die Welt ‚Lehrmeister der Stille‘ nötiger als heute, und gerade heute findet man sie seltener denn je…“, bemerkte Tiziano Terzani in seiner Einsiedelei in den Himalayas. Wir leben in einer Welt, in der die Intensität und Schnelligkeit von Eindrücken rasant zunehmen; und proportional dazu verstärkt sich der Wettlauf gegen die Langeweile und die Sucht nach ‚fun & action‘. Viele haben sich mittlerweile so sehr an die sinnliche Berieselung gewöhnt, dass sie Musik nicht nur zu Hause, im Auto oder bei der Arbeit ununterbrochen hören, sondern auch beim Yoga nicht mehr darauf verzichten wollen.

Vielleicht haben wir sogar die Befürchtung, dass die Welt untergeht, wenn wir nicht täglich die Nachrichten schauen, und das Social-Network zusammenbricht, wenn wir nicht den neusten Web-Tratsch auf Facebook weiterleiten. Sind wir tatsächlich schon so mediensüchtig, dass sich ein paar Minuten ‚Nichts-Tun‘ wie ein Drogenentzug anfühlt? Vom Aufwachen bis zum Einschlafen - und sogar in unseren Träumen - werden wir wie ein Esel mit Zuckerbrot und Peitsche durchs Leben getrieben. Erst der so heilsame Tiefschlaf versetzt uns in einen Zustand, wo wir uns samt der Welt auflösen, und wo wir trotzdem – oder gerade deswegen –in eine unbeschreibliche Glückseligkeit (Ananda) eintauchen. Wieviel spirituelle Transformation können wir eigentlich vom Yoga erwarten, wenn wir uns dabei mit der gewohnten Konsumhaltung bloß auf die körperliche Ebene beschränken?

Meine Aufgabe als Yogalehrer sehe ich u.a. darin, die Gedankengeschwindigkeit und den Aktionsdrang zu entschleunigen. Deswegen geht es mir nicht darum, die geilsten Yogapositionen zur chilligsten Musik zu präsentieren, sondern einen Rahmen für eine mentale Diät (Pratyahara) zu schaffen. Dieser nicht sehr populäre Aspekt des Yoga ist die unumgängliche Voraussetzung, um unsere essentielle Stille zu erfahren zu können. Es ist übrigens interessant, dass sich in ruhiger Atmosphäre unsere Gedanken oft viel intensiver und lauter sich bemerkbar machen; trotzdem kann es passieren, dass wir in einer lärmigen Umgebung unerwartet still und friedlich werden können. Sollten wir uns als Yoga-Praktizierende nicht öfter bewusst machen, dass - trotz den unzähligen Trends - Yoga einst einfach als Beruhigung der Gedankenbewegungen verstanden wurde? Robert Adams hatte dies in unserer schnelllebigen Zeit so ausgedrückt: „Wenn dein Verstand laut ist, reflektiert er Chaos, Verwirrung. Wenn er still und ruhig ist, reflektiert er deine Göttlichkeit.

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Wie normal ist der Tod (yoga.Zeit, 2013)

Herbst führt uns die Natur die Vergänglichkeit sehr deutlich vor Augen – und dennoch betrübt uns das kaum: auch wenn die Verfärbung der Blätter und der Silberschleier des Frostes den Tod von unzähligen Pflanzen und Tieren einläutet, finden wir diesen Wandel sogar wunderschön. Tatsächlich vergeht kein Tag in unserem Leben, an dem wir nicht mit Sterblichkeit in Kontakt treten: sei es nur eine tote Fliege, ein überfahrener Igel oder die News über Naturkatastrophen und Kriege in fernen Ländern. Emotional werden wir davon kaum berührt, da wir solche Ereignisse als zu normal, banal, weit weg oder zu oft gehört erleben.

Aber irgendwo gibt es da eine unsichtbare Grenze, wo uns der Tod mitten ins Herz trifft und wir diese unerwünschte Kehrseite des Lebens nicht mehr gelassen hinnehmen. Diese Gesetzmäßigkeit von Leid ist leicht zu erklären: je größer unsere Identifikation und Anhaftung – mit all den Freuden, die damit einhergehen - umso größer die negative Reaktion auf diesen unumkehrbaren Verlust. Eigentlich ist nicht der Tod an sich das Problem, sondern unsere Einstellung dazu. Diese Wahrheit ist im Yoga von so großer Bedeutung, dass in Patañjalis Yogasutra als fünftes Kleśa (leidhafte Spannung) Abhiniveśa genannt wird: die Angst vor dem Tod, bzw. das Klammern ans Leben.

Tatsächlich wird in allen Religionen und ernsthaft spirituellen Traditionen die Reflexion über den Tod als eine wichtige Praxis gesehen. So wie der stündliche Glockenschlag von heimischen Kirchen an die eigene Todesstunde erinnert, so hat auch der Buddha jedem Menschen ans Herz gelegt, Marananusati (Reflexion über den Tod) regelmäßig zu praktizieren. Allerdings scheint mir dieser nicht so angenehme Aspekt in der modernen Hatha-Yogaszene – die sich ja gerne als zutiefst spirituell ausgibt – eine stiefmütterliche Stellung zu haben, denn da gilt eher das Motto ‚jung, gesund und lebensfroh‘.

Vielleicht liegt es daran, dass man als leidenschaftlicher Yogi mit all den anspruchsvollen körperlichen Übungen zu busy und identifiziert ist; oder dass man sich als Hobby-Yogini in der endlich erreichten Entspannung so wohl fühlt, dass man gar keine Lust hat, sich über folgende Tatsache Gedanken zu machen: spätestens in ein paar Jahrzehnten wird dieser Körper mit all den mühsam trainierten Muskeln und Gelenken am Verrotten oder zu Asche transformiert sein. Vielleicht sollten wir beim nächsten Śavāsana diese Haltung wörtlich nehmen und uns unseren Tod bewusst machen; denn wir befinden uns mit diesem Körper auf einer sinkenden Titanic und jeder Tag könnte unser letzter auf dieser Erde sein. Gerade am Ende einer Yogastunde sollten wir die sattvische Klarheit und Losgelöstheit nutzen, um zu realisieren wie sinnlos es ist, gegen den natürlichen Strom der Sterblichkeit zu schwimmen.

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Yoga- Asanas

Yogalehrer-Inflation: Fluch und Segen (yoga.Zeit, 2015)

„Bald wird es mehr Yogalehrer als Schüler geben!“ war eine Aussage von jemand, der die florierende Yogaszene zur Abwechslung ohne rosarote Brille beobachtet. Eigentlich klingt das wie das Paradies auf Erden: die Yogagemeinschaft und damit bald der Rest der Gesellschaft wird durch eine sattvische Lebensweise zum Heilsamen und Positiven transformiert. Allerdings müssten Umschulungen für all jene Berufsgruppen erwogen werden (am besten zu Yogalehrern), die dadurch betroffen wären: Ärzte, Psychologen und jene, die dann in völlig überflüssigen Berufssparten wie Gesundheit, Massentierhaltung, Pharma- und Unterhaltungsindustrien beschäftigt sind.

Oder es passiert etwas, was man jetzt schon in den Mega-Yoga-Cities beobachten kann: die Konkurrenz unter den Lehrern wird größer - und mit ihr der Trend, sich um jeden Preis zu verkaufen. Es wird um jeden potentiellen Schüler und ums Unterrichten bis zum Burnout gekämpft, damit genügend Marktanteile am Produkt „Yoga“ ergattert werden. Dass man bei irgendeiner Ausbildung einmal etwas über maitri, santhosa, aparigraha & asmitha (Liebe, Zufriedenheit, Bescheidenheit und Egolosigkeit) gehört hat, ist schon längst nicht mehr relevant oder in Vergessenheit geraten. Ich vermute, dass der Pfad zu unserem wahren Selbst zunehmend unklar und verwirrend wird, solange wir unter „Yoga“ bloß ein körperliches Workout verstehen, einen „Lehrer“ bloß als jemanden, der ein Ausbildungs-Zertifikat gegen viel Geld und wenig Disziplin erhalten hat und einen „Schüler“ als Melkkuh, der gerade einem Trend oder einer Laune nachläuft - ohne glühender Hingabe, aber im coolsten Outfit. Warum ausgerechnet im Yoga Lehrer wie ein Massenprodukt am Fließband produziert und oft viel zu früh auf ahnungslose Schüler losgelassen werden, ist ein interessantes Phänomen, das ich in den letzten 25 Jahren in keiner anderen Sparte oder Tradition beobachten konnte.

Dabei geht es nicht nur darum, Menschen von psychosomatischen Problemen zur individuellen Balance zu führen, damit sie schließlich transpersonelle Weisheit erfahren. Unter dem Deckmantel von „Yoga & Spiritualität“ geht es offensichtlich auch um viel Kohle und klesha. Egal wie lange wir schon Yoga lehren oder lernen, wie oft wir schon in Indien waren und wie vielen Gurus wir gelauscht haben, wie weit wir das Bein hinter den Kopf bekommen; egal wie entspannt unser Atem und wie tief unsere Einsichten sind. Die Haltung - frei nach Suzuki Roshi - „Yoga-Geist – Anfänger-Geist“ würde nicht nur für mich und jeden einzelnen ein Segen sein, sondern für die gesamte Yogaszene.

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Mogelpackung Yoga (yoga.Zeit, 2014)

Wir würden etwas kein zweites Mal kaufen, wenn das, was drauf steht, nicht drinnen ist, egal wie ansprechend der Inhalt verpackt ist. Normalerweise. Ist aber „Yoga“ im Westen vielleicht deswegen so populär, weil wir genau dieses Verhalten ignorieren? Wer würde zum Beispiel eine Yogaklasse besuchen, die wörtlich die „acht Glieder“ des Patanjali-Yoga heisst, wenn dabei tatsächlich diese praktiziert werden würden? Von den fünf ethischen Grundeinstellung (Yamas) über eine aufrecht entspannte Sitzhaltung (Asana) bis zur meditativen Versenkung (Samadhi).

Und wer hätte sich je das Buch „Licht auf Yoga“ gekauft, wenn darin nicht nur mehr als 200 Körperhaltungen in zum Teil zirkusreifen Ausführungen dargestellt wären, sondern darin Yoga in seiner eigentlich unfassbaren Vielfalt beleuchtet wäre. Würde einer der populärsten modernen Yoga-Stile weiterhin so begehrt sein, wenn Anhänger folgende Aussage des „Insiders“ Patrick Broome bewusst reflektieren würden? „Ich finde das Erleuchtungskonzept, auf das im Jivamukti Yoga so viel Wert gelegt wird, fragwürdig. Für mich hat es keiner, der Jivamukti Yoga lehrt, wirklich erlebt .“ Zum „spirituellen Hausverstand“ gehört auch, die Ethik eines Lehrers genauer unter die Lupe zu nehmen.

Was für eine spirituelle Transformation kann man sich von einem Stil erwarten, der mit „dem Herzen folgend“ und “in Gnade fließend“ definiert wird, und bei dem Ethik als eines der Grundprinzipien gepriesen wird, aber dessen Gründer sich „von seinen "Jüngerinnen" nackt massieren ließ, um sich „der inneren Gnade“ besser öffnen zu können “?. Wenn ein Medikament unangenehme Nebenwirkungen zeigt, so müssen diese im Beipackzettel aufgelistet werden. Warum gilt beim Unterricht von halsbrecherischen Asanas nicht ähnliches Prinzip? Dann müsste zum Beispiel bei einigen Übungen der so authentisch klingenden „Rishikesh-Reihe“ folgende Warnung stehen: „Achtung: Diese Asana kann eine Verletzungen in der Wirbelsäule auslösen!“ Deswegen betone ich immer wieder im Unterricht: „Passt auf, denn nicht der Lehrer, sondern ihr selber müsst Euren kaputten Körper nach Hause tragen!“ Aber manchmal brauchen wir eben eine schmerzhafte Lektion, damit wir unterscheiden lernen, dass auch im Yoga nicht immer das drinnen ist, was drauf steht.

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Mein Körper ist bloß eine Mietwohnung (yoga.Zeit, 2013)

Die meisten von uns kennen Momente im Leben, in denen wir uns „neben der Spur“ fühlen und der Körper bloß als unbeachtetes Mittel zum Zweck verwendet wird. Dabei dient er uns nur noch als Werkzeug zur Erfüllung unserer Leidenschaften und dazu, jene Löcher zu füllen, die eigentlich tief in unserer Seele klaffen. Zwar gelingt die Befriedigung, doch währt sie nur kurz. Dann gibt es auch Zeiten, in denen der Körper wie ein Packesel zu den selbst aufgeladenen oder von außen bestimmten Alltagsaktivitäten gezwungen wird; getrieben vom Pflichtbewusstsein und gelockt durch eigene Idealvorstellungen – wie von einer Karotte, die immer eine Nasenlänge voraus hängt.

Verführt durch die Werbediktatur wird zwar auf die äußere Fassade penibel Wert gelegt, aber wie wohl wir uns in dieser Haut tatsächlich fühlen, wird entweder gar nicht wahrgenommen oder einfach ignoriert. Das Wunderbare am Leben ist, dass jegliche Muster, die uns scheinbar so unausweichlich bestimmen, auch wieder aufgelöst werden können. In der Wissenschaft heißt es: das Wahrscheinliche passiert wahrscheinlicher, aber eben nicht mit 100-prozentiger Sicherheit. Mit den Jahren verändern wir uns, und der Körper, den wir einst schmarotzerhaft, unbedacht oder asketisch behandelt haben, wird wie ein heiliger Tempel von uns verehrt oder wie ein Baby verhätschelt. Mit entsprechend viel Hingabe, Zeit und Geld wird dann alles nur Mögliche unternommen, um Verschleiß und Ablaufdatum in die weite Ferne zu schieben oder ganz von der Bildfläche zu löschen.

Wenn wir etwas so Geniales wie Yoga oder andere körperbezogenen Praktiken entdeckt haben, vergessen wir manchmal in der Euphorie, die Rechnung mit dem Wirt zu machen. Denn der Körper ist nur eine Mietwohnung, und die Eigentümer sind nicht wir, sondern sind die Elemente der Natur. Mit der Einsicht, dass nicht ich der Besitzer bin, werde ich mich zwar weiterhin um die Wohnung kümmern, aber sie wird mir keinen Kummer mehr bereiten: ich werde sie weiterhin sauber halten, den Müll regelmäßig hinaustragen, den tropfenden Wasserhahn reparieren und sie mit Schönem und Nützlichen bestücken. Je mehr ich mir klar darüber bin, dass der Tag kommen wird, an dem ich diese so gewohnten und lieb gewonnen vier Wände verlassen muss, desto weniger werde ich mich daran klammern. Abdi Assadi schreibt in seinen Buch ‚Schatten auf dem Pfad: Wie uns die Suche nach Erleuchtung hinters Licht führen kann‘: „Im besten Fall bietet Yoga eine leistungsstarke Disziplin, mit der man bewusst Geist und Körper in Harmonie bringen kann. Aber in unserer ergebnisorientierten und narzisstischen Kultur wird es oft als Weg missbraucht, einen tollen Körper zu bekommen und gleichzeitig spirituelle Pluspunkte zu sammeln. […]

Die traditionelle Aufgabe des Yoga ist, den Knoten des Ego durch Bewegung und Meditation zu lösen; die Einführung dieses Systems in eine hochgradig konkurrenzbetonte, auf das Individuum gerichtete Kultur hat unausweichlich Krisenherde geschaffen, die unserer erhöhten Aufmerksamkeit bedürfen.“ Diese Aussage spiegelt wider, was mir in der Yogaszene auffällt: Die einen drücken dabei ihre Verwirrung so aus: „Je mehr ich eifrig und regelmäßig Asanas übe, desto mehr identifiziere ich mich mit dem Körper . . . aber eigentlich sollte ich ja diese Identifikation lösen.“ Die anderen strotzen mit ihren durchtrainierten Yogakörper und finden darin den einzigen Sinn ihres Lebens; allerdings würde ich denen gerne einmal zu bedenken geben: „Genial, ihr werdet sicherlich einmal die gesündesten Leichen am Friedhof sein!“ Weil wir nicht über den eigenen Tellerrand blicken wollen, oder weil wir verunsichert sind, klammern wir uns manchmal daran, nur in der eigenen Suppe mit Gleichgesinnten im Kreis zu schwimmen.

Als ich ein Dutzend Jahre als buddhistischer Mönch in Asien lebte, hielt ich mich nur unter Buddhisten auf, lebte in buddhistischen Klöstern, las buddhistische Bücher und war deshalb ausschließlich dem buddhistischen Gedankengut ausgesetzt. Ich merkte gar nicht, wie sehr ich mich dabei eingrenzte und gar nicht mehr für andere Meinungen und Glaubenssysteme offen war. Erst der Kontakt mit der Yogaszene eröffnete mir neue Sichtweisen und Erfahrungen. Aber auch hier blickt mancher eingefleischte Yogi oder manch leidenschaftliche Yogini nicht gerne über den Tellerrand des eigenen Systems; vielleicht auch deswegen, weil die Vielfalt an widersprüchlichsten Yoga-Angeboten eher verwirrend als hilfreich erscheint. Was mir die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte spirituelle Praxis erleichtert, sind einfache und klare Aussagen, wie jene von Sri Ramana Maharshi: „Die falsche Vorstellung ‚Ich bin der Körper‘ ist die Ursache von allem Unglück.“

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Yoga-Praxis, Leidenschaft und Überdruss (yoga.Zeit, 2012)

Weltweit werden Yogapraktizierende gerne von ihren ehrgeizigen Lehrern oder von ihrem noch ehrgeizigeren Gewissen mit den Worten des verstorbenen Yoga-Gurus Pattabhi Jois „Practice, practice, practice . . . !“ zu ausgeklügelten Stellungen auf der Matte inspiriert. Da der liebe Gott auch im Yoga ein gutes Zugpferd sein kann, machte ein Yoga-Lehrer aus Rishikesh einmal bei Adho Mukha Svanasana (nach unten blickender Hund) folgende Bemerkung: „Dog and god is the same, if you just turn it around!“ Was für ein genialer Schachzug, um einer Körperhaltung einen spirituellen Mantel umzuhängen! Doch um welchen Yoga und um welche Art der Yoga-Praxis geht es dabei für mich? Ist das Hinterfragen meiner Übung nicht ebenso wichtig wie die Hingabe? Steht da für mich bloß ein oberflächliches Begehren nach körperlicher Ertüchtigung dahinter, oder tatsächlich eine Sehnsucht nach spiritueller Tiefe? Sich dem Kräftigen und Dehnen unseres menschlichen Körpers hinzugeben, ist etwas ganz normales.

Doch würde sich ein Hund bei seinem ganz natürlichen Urdhva Mukha Svanasana (nach oben blickenden Hund) denken, dass ihm die Haltung diesmal noch besser gelungen ist, als das letzte Mal, bzw. als dem gestylten Pudel von nebenan - und würde er sich deswegen einbilden, ein spiritueller Hund zu sein? Es ist eine Eigenart des menschlichen Geistes, etwas ganz Natürliches zu glorifizieren. Erfasst vom Strom der modernen Yoga-Trends schleicht sich gerne ein spirituelles „Über-Ich“ in die Praxis ein. In der Überzeugung mehr wert zu sein, wird fleißig praktiziert. Die Skala misst dabei folgende Details: Bei Körperübungen ist Dehnfähigkeit, Kraft und akrobatischen Verrenkungen das Ziel, beim Sitzen eine buddhaähnliche Haltung, beim Outfit die hipsten Yoga-Klamotten und beim Stil der coolste Yoga-Lehrer.

Nach Jahren der leidenschaftlichen Praxis kann es dann auch tatsächlich passieren, dass die Welt jenseits der Yoga-Matte an Reiz verloren hat. Glückwunsch! Der ‚Gott des Konsums‘ wurde gegen den ‚Gott des Körperkults‘ eingetauscht. Und sobald die Faszination daran langsam abflaut meldet sich dann auch schon das schlechte Gewissen. Eines Tages wird dennoch vairagya an die Tür klopfen, oder sich auf der mit ‚blood, sweat & tears‘ getränkten Yogamatte breit machen: jenes Phänomen von Losgelöstheit oder Überdruss, welches Patanjali neben abhyasa (Üben) als einen wesentlichen Teil sieht, um die leiderzeugenden citta vrittis (Bewegungen des Geistes) zur Ruhe zu bringen (YS, 1,12). Trotz des bewunderten körperlichen Fortschritts kommt man schließlich doch zur Einsicht, dass ananda (Seeligkeit) nichts mit der Komplexität der Asanas zu tun hat - auch wenn all die wunderbaren Yoga-Fotos und Filme einem das Gegenteil vorgaukeln. Das Tor zum inneren Yoga-Weg hat sich einen Spalt geöffnet und mit etwas Selbstvertrauen und Courage ist ein Überschreiten der Schwelle zu einer ernsthaften meditativen Yoga-Praxis möglich.

Eine abkühlende Trendwende im ‚Asana-Fieber‘ kann auch durch das paradox klingende Phänomen einer „Yoga-Verletzung“ eintreten, oder bei der Konfrontation mit Tod und Vergänglichkeit. Denn Fakt ist: auch die gedehntesten und kräftigsten Muskeln werden einmal unter der Erde verrotten. Diese "Grabes-Losgelöstheit" (smashana vairagya) ist ein unangenehmer, aber eindeutiger Spiegel, wie weit sich die persönliche Praxis von der Oberfläche in die Tiefe verlagert hat. Wo weder eine Zurschaustellung noch eine Korrektur möglich ist, denn bei dieser inneren Praxis begegnen wir uns selbst - ganz allein. Bei mir hat es etwa ein Jahrzehnt gedauert, bis mir klar wurde, dass Hatha-Yoga nur ein kleiner Aspekt des umfassenden ganzheitlichen Yogasystems ist. Ich bemerkte, dass ich mich dabei nur auf den schmalen Bereich der Asana-Praxis fokussiert hatte.

Dann las ich eines Tages bei Swami Satyananada (1923 – 2009): „Während der Ausübung von Yoga Asanas verlangsamt sich die Atmung und der Stoffwechsel, der Verbrauch von Sauerstoff und die Körpertemperatur sinken. Dagegen bewirkt Gymnastik bzw. Sport genau das Gegenteil.“ Und als ich zusätzlich erfuhr, dass in den alten Texten Asana nicht nur mit sthira-sukha (stabil-angenehm) definiert wurde, sondern auch als Haltung „in der ununterbrochene Reflektion über Brahman leicht möglich ist“ , war mir klar, dass meine körperlichen Übungen eigentlich näher der Gymnastik als dem Yoga standen. Auch wenn ich nach dieser Ent-Täuschung der ‚Yogagymnastik‘ weiterhin mit Liebe und Leidenschaft nachgehe, wurde dadurch meine eigentliche spirituelle Praxis bekräftigt. Und diese kann weder durch Modetrends noch durch kritische Zeitungsartikel oder fragwürdiges Verhalten von zelebrierten ‚Yoga-Stars‘ erschüttert werden.

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Philosophie & Religion

Brahmavihāra - die vier höchsten Geisteszustände (Yoga Aktuell, 2016)

“Wenn ich realisiere, dass ich Nichts bin – das ist Weisheit. Wenn ich realisiere, dass ich Alles bin – das ist Liebe. Und zwischen diesen beiden fließt mein Leben.“ Nisargadatta Maharaj Liebe und tiefste Einsicht sind die Grundqualitäten jener höchsten menschlichen Gefühlszustände, die Buddha die vier ‚Brahmavihāra‘ genannt hat. ‚Brahma‘ bedeutet ‚göttlich‘, bedingungslos‘ oder ‚grenzenlos‘ und ‚vihāra‘ steht für ‚Aufenthaltsort‘ oder ‚geistiger Zustand‘. Sie bilden nicht nur in der buddhistischen Lehre einen wichtigen Grundpfeiler - auch für Patanjali, der ca. 800 Jahre später stark vom buddhistischen Gedankengut beeinflusst war, sind diese Qualitäten essentiell und so finden sie sich in der ‚Yogasūtra‘ wieder; allerdings unter den Namen ‚Bhāvana‘, was ‚Meditation‘ oder ‚spirituelle Entfaltung‘ bedeutet. Ein Patanjalayoga-Experte hat einmal betont, dass diese vier Qualitäten, im Gegensatz zu anderen Praktiken, keine Option auf dem Yoga-Weg sind, sondern eine absolute Notwendigkeit.

Ich bin daher überrascht, wie selten man in der florierenden Yogaszene von diesem 33. Vers im 1. Kapitel hört oder liest: „Durch Entfaltung von [bzw. Meditation über] Freundlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut gegenüber Freud, Leid, Tugend und Laster kommt der Geist in Harmonie.“ Auch wenn in den meisten Übersetzungen diese Begriffe sehr spezifischen Zuständen zugeordnet werden (Freundlichkeit zu Glück, Mitgefühl zu Leid, Mitfreude zu Tugend und Gleichmut zu Laster), erscheint mir im Zusammenhang mit den wesentlich umfangreicheren buddhistischen Quellen eine offenere Definition stimmiger und nachvollziehbarer. Schließlich sollten diese vier höchsten menschlichen Geisteszustände bzw. Meditationsformen, die im buddhistischen Pali-Kanon mit Mettā, Karuna, Mudita und Uppekha bezeichnet werden, für uns relevant sein. Sie dienen uns als praktische Orientierung, wie weit wir auf unserer spirituellen Reise schon vorangeschritten sind. Und im transpersonalen Zustand von Nirvana (Auflösung) oder Moksha (Befreiung) scheint das ganze Leben nur noch von diesen Qualitäten bestimmt und durchdrungen zu sein. Bevor wir jeden dieser vier Bereiche genauer betrachten, möchte ich mit einem persönlichen Beispiel den Zusammenhang zum Alltag herstellen. Seit frühester Kindheit ist mein Vater ein leidenschaftlicher Hobbyjäger und wenn ich zusah, wie das erlegte Wild aufgeschnitten, ausgenommen und dann gehäutet wurde, erlebte ich eine ganze Palette von menschlichen Regungen:

Traurigkeit, Wut, Angst, Gleichgültigkeit, Faszination oder sogar Vorfreude auf den herrlichen Wildbraten, da ich noch nicht Vegetarier war. In einer ausgeglichenen und meditativen Verfassung würden sich wahrscheinlich andere Gefühle zeigen: Ich könnte zum Beispiel bedingungslose Liebe gegenüber meinem Vater empfinden, auch wenn er gerade ein Lebewesen getötet hat; oder Mitgefühl gegenüber dem Jäger und Gejagten, denn töten schafft schlechtes Karma und daher künftiges Leiden und getötet zu werden ist sowieso leidvoll. Ich könnte meinem Vater mit einem freudigen „Waidmanns Heil!“ zu seinem geglückten Schuss gratulieren und eventuell sogar Mitfreude gegenüber dem erlegten Wild empfinden, denn die meisten von Menschenhand getöteten Lebewesen müssen einen wesentlichen qualvolleren Tod erleiden. Aber ich könnte auch gleichmütig gegenüber beiden sein, denn schließlich schafft jeder sein eigenes Karma und erntet dessen Früchte; außerdem ist Leben und Sterben, Töten und Getötet werden Teil dieser Lebenskomödie, die wir im Endeffekt weder durchschauen, noch ändern können. Mettā (Sanskrit ‚Maitrī ‘) wird mit ‚Freundlichkeit‘‚ ‚Liebende Güte‘ oder ‚Bedingungslose Liebe‘ übersetzt. Wie sehr diese sich von jener Liebe unterscheiden, die wir üblicherweise mit Romantik, Leidenschaft und Anhaftung assoziieren, wird im „Metta-Sutta“ Buddhas deutlich. In dieser von Theravada-Mönchen oft rezitierten Lehrrede heisst es unter anderem: „Sie mögen glücklich und voll Frieden sein, - die Wesen alle: die schwachen und die starken, die mittelgroß und klein, die zart sind oder grob. Glück erfüllt ihr Herz. Keiner soll den andern hintergehen. Voll Güte zu der ganzen Welt entfalte ohne Schranken man den Geist, von Herzens-Enge, Hass und Feindschaft frei!

Ob stehend, gehend, sitzend oder liegend, auf diese Achtsamkeit soll man sich gründen. Als göttlich Weilen gilt dies schon hienieden.“ Karuṇā bedeutet Mitgefühl, wobei der feine, aber wesentliche Unterschied zu Mitleid zu beachten ist. Ist das Herz mit Karuna gefüllt, dann schwingt es empathisch mit dem Leid des anderen mit, ohne sich dabei besser zu fühlen und ohne sofort und unbedingt dieses Leid verändern zu müssen. Manchmal kann es unsere tiefere Gefühlsebene so berühren, dass uns dabei Tränen kommen. Mitgefühl ist ein Gefühlszustand, der nicht unbedingt zu hilfsbereiten Aktionen führen muss; es hat auch nichts mit dem Helfersyndrom zu tun, durch das man mit scheinbar altruistischen Handlungen eigene Schattenbereiche kompensiert oder sich damit brüstet. Robert Adams hat einmal gesagt: „Mitgefühl bedeutet eigentlich, dass du völlig im Einklang mit dem gesamten Universum bist. Es bedeutet Ehrfurcht vor allem Lebendigen und alles ist lebendig, es gibt keine tote Materie. Wenn du das Leben verehrst, respektierst du alles, du hast keine Ablehnung gegen irgendetwas oder irgendjemanden. […] Einige wundern sich, warum sie schon so lange auf dem Weg sind und keine Fortschritte zu machen scheinen. Das liegt daran, dass das Mitgefühl nicht groß genug ist.“

Mudita wird als ‚uneigennützige Mitfreude‘ bezeichnet, und hängt – wie alle essentiellen Gefühle – von unserem Maß an Weisheit und Güte ab. Wir können zum Beispiel Mitfreude für einen Alkoholiker verspüren, wenn er den ersehnten Alkohol bekommt (und wir alle haben vergleichbare Schwächen), auch wenn dieses kurzfristige Glück zu längerfristigen physischen und psychischen Leid bei sich und anderen führt. Eine höhere Qualität von Mitfreude kommt dann zum Vorschein, wenn jemand Freude erfährt, die nicht nur unschädlich, sondern sogar heilsam ist. Freude und Leid sind allerdings nur karmische „Geschenke“, die uns Ishvara, das Universum oder wer oder was auch immer präsentieren. Daher ist auch der edelste Ausdruck von Mudita an jene Mitmenschen gerichtet, die Tugendhaftes vollbringen, denn da werden tatsächlich die Grundsteine für gegenwärtiges aber auch künftiges Glück gelegt. Diese feine Herzensstimmung hat übrigens nichts mit jenem mitreißenden, rajasischen Enthusiasmus zu tun, den man beispielsweise auf dem Fußballfeld oder bei einem Popkonzert erlebt. Gegenteilige Reaktionen Wir alle kennen die Tendenzen, statt Liebe Widerwillen zu empfinden, statt Mitgefühl Schadenfreude, statt Gleichmut Anhaftung; und anstatt sich am Guten zu erfreuen, mit allen Mitteln das Schlechte herauszupicken. Osho meint dazu treffend: „Das Negative wird deshalb so leicht und schnell geglaubt, weil es deinem Ego schmeichelt. Alles Gute lässt sich sehr leicht verneinen. Damit fügt man nicht dem guten Menschen, sondern sich selbst Schaden zu – man verhält sich selbstzerstörerisch.

Tatsächlich begeht man auf diese Art langsamen Selbstmord, man vergiftet sich selbst. Wenn Gutsein nicht möglich ist, braucht man sich gar nicht erst darum zu bemühen. Dann macht man es sich dort bequem, wo man gerade ist. Jedes Weiterwachsen ist unmöglich.“ Chance der Enttäuschungen, Gefahr der Zufriedenheit Nicht nur Kinder lernen durch schmerzvolle Erfahrungen; wenn wir auf unser Leben zurückblicken, sind es oft gerade jene bitteren Enttäuschungen und einschneidenden Schicksalsschläge, die unserem Leben letztendlich mehr Tiefe und Sinn gaben. ‚Leid ist der beste Lehrmeister‘, denn es kann unser Leben manchmal stärker zum Positiven transformieren, als tiefsinnige Bücher oder weise Mitmenschen. So ‚durfte‘ ich beispielsweise mit Anfang Zwanzig durch eine „early life crisis“ einen so großen Leidensdruck erfahren, dass dieser mich dazu veranlasste, alles hinter mir zu lassen, nach Asien zu reisen und dort buddhistischer Mönch zu werden. Auch wenn diese Entscheidung aus einem tiefen Schmerz heraus getroffen wurde, waren diese zwölf Jahre eine für mich bis heute unersetzliche Lebensschule. Damit will ich sagen, dass nicht jede leidvolle Situation Mitgefühl verdient, sondern manchmal können wir darin unverhofftes Potential erfahren. Andererseits beinhaltet eine oberflächliche Zufriedenheit die Gefahr, dass wir in unserer Entfaltung stecken bleiben und die Sehnsucht nach größerem Glück versiegt. Unter der spirituellen Lupe betrachtet scheint so ein Leben eher Mitgefühl als Mitfreude zu verdienen. Upekkhā (Sanskrit ‚ Upekṣā‘) hat die Bedeutung, über weltliches Geschehen erhaben hinwegblicken‘ und dabei die unberührbare Wahrheit im Herzen bewahren.

In diesem Zustand von wacher Gelassenheit, die vom Sattva-Guna durchdrungen ist, wird ein Friede berührt, der nicht mehr von den acht weltlichen Phänomenen (Aṭṭha-loka-dhamma) erschüttert werden kann, die jeder mehr oder weniger im Leben erfährt: Glück, Unglück, Gewinn, Verlust, Verehrung, Verachtung, Gutes und Böses. Die herausragende Bedeutung dieser vierten Brahmavihāra wird dadurch unterstrichen, dass Buddha Upekkhā als das letzte der sieben Erleuchtungs-Glieder (Bojjanga) definiert. Aus der unerschütterlichen Einsicht über die Vergänglichkeit von allem Existierenden entfaltet sich ein erhabener Gleichmut, der zwar oberflächlich einer tamasischen Gleichgültigkeit ähnlich ist, jedoch nichts mit Lethargie, Acht- und Respektlosigkeit gemein hat. Die menschliche Neigung, Unangenehmem zu entfliehen und Angenehmes zu erreichen und zu bewahren, hält uns wie einen Hamster in seinem kleinen Rad vom Morgen bis zum Abend auf Trab und im großen Rad des Saṃsāra gefangen. Wie sehr aber ein Gleichmut gegenüber der Welt uns zum inneren Frieden führt, hat wohl kaum einer poetischer zum Ausdruck gebracht als Hermann Hesse in dem Gedicht „Glück“: „Solang du nach dem Glücke jagst, bist du nicht reif zum Glücklichsein, und wäre alles Liebste dein. Solang du um Verlorenes klagst und Ziele hast und rastlos bist, weißt du noch nicht, was Friede ist. Erst wenn du jedem Wunsch entsagst, nicht Ziel mehr noch Begehren kennst, das Glück nicht mehr mit Namen nennst, dann reicht dir des Geschehens Flut nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.“

Persönlichkeiten und Yoga-Traditionen Für mich repräsentieren bestimmte Persönlichkeiten und klassische Yoga-Traditionen einen dieser vier ‚grenzenlosen Zustände‘. So ist für mich der Dalai Lama eine Personifizierung von bedingungsloser Güte (Metta), die sich auch im Bhakti Yoga durch die liebevolle Hingabe gegenüber Gott und der göttlichen Essenz aller Wesen widerspiegelt. Der kompromisslose Einsatz Mahatma Gandhis für die indische Freiheitsbewegung entsprang aus einem tiefen Mitgefühl (Karuna) und konnte durch Karma Yoga (Yoga der selbstlosen Handlung) in gewaltfreie Aktionen umgesetzt werden. Die Schaffenskraft von Künstlern, mit ihren Meisterwerken andere zu berühren und die Fähigkeit von spirituellen Lehrern, Tugend und Weisheit zu vermitteln, ist in tiefer Mitfreude (Mudita) verwurzelt. Sri Ramana Maharshi war ein Jnana-Yogi (Yogi der Einsicht), dessen ganzes Leben ein Ausdruck von Stille und Gleichmut (Uppekha) war. Natürlich gibt es auch in der modernen Yogaszene Persönlichkeiten, die eine oder mehrere dieser Qualitäten zur Entfaltung gebracht haben und wunderbar weitergeben. Allerdings fällt mir auf, dass nicht selten die körperliche Praxis so im Vordergrund steht, dass die Kultivierung dieser vier essentiellen ‚Bhāvana‘ vernachlässigt wird. Brahmavihāra und Asanapraxis Wie können diese inneren Haltungen unsere Einstellung zum Körper und zur Asanapraxis positiv beeinflussen? Wer sich sehr ehrgeizig und nur auf Äußerlichkeiten bedacht auf die Yogamatte begibt, ohne dabei auf die eigene Intuition zu achten, sollte mehr Metta integrieren.

Karuna könnte dann ein wichtiger Aspekt sein, wenn durch eine körperliche und psychische Verletzung oder Schwäche ein ‚Ausnahmezustand‘ eingetreten ist, der ungewöhnlich viel Beachtung braucht. Eine Praxis, die Mudita in den Vordergrund stellt, wäre dann angebracht, wenn Sinn und Lebensfreude sowohl im Üben als auch im Leben verloren gegangen ist. Und jenen unter uns, die engstirnig mit ihrer Asana-Praxis und ihrer körperlichen Gesundheit verhaftet sind, könnte Uppekha zu der Einsicht verhelfen, dass es im Yoga eigentlich um mentale Gesundung geht: denn egal wie fit, kräftig und flexibel sich dieser Körper gerade anfühlt, nichts davon werden wir mit ins Grab nehmen können... und nicht einmal ein Super-Yogi kann vorhersehen, wann das eintreten wird. Auch wenn eine Transformation unserer menschlichen, einengenden Emotionen zu diesen transpersonalen, grenzenlosen Brahmavihāra nicht über Nacht eintreten wird, sollten wir hie und da inne halten, um uns bewusst zu machen, dass es nur von diesen vier inneren Gefühlszuständen abhängt, wie zufrieden wir tatsächlich sind.

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Buddhismus, Mönche und Politik in Sri Lanka

Ein Blick hinter die Fassade des ältesten buddhistischen Landes (Buddhismus Aktuell, 2015) Meine persönliche Beziehung zum Buddhismus und zu Sri Lanka begann damit, dass ich durch eine Lebenskrise und undurchschaubare karmische Kräfte mit 23 Jahren ins buddhistische Mönchsleben hineingezogen wurde. Diese transformierende Phase, die volle zwölf Jahre angedauert hat, begann in einem thailändischen Waldkloster. Als ich nach drei Jahren zum ersten Mal den Boden Sri Lankas betrat, barfuß und mit kaum mehr als ein paar Roben und meiner Almosenschale, erlebte die Insel gerade eine kurze Friedensphase.

Frauen und Nonnen auf Sri Lanka Damals war Chandrika Bandaranaika Präsidentin und ihre Mutter Premierministerin. Nicht nur in Asien war dies eine einzigartige politische Konstellation. Auch dort sind bis heute Gesellschaft, Tradition und Religion einschließlich des Buddhismus und seiner Mönchsorden stark männlich dominaniert. In erster Linie sind es die Frauen, die die Mönche mit Dana (Almosen) versorgen und an den Vollmondtagen die Tempel besuchen, um deren Reden und Sprechgesängen zu lauschen. Da Bhikkunis (Nonnen) schon immer eine minderwertige Stellung im Theravada-Buddhismus eingenommen haben,2 verwundert es nicht, dass es neben den ca. 40 000 Mönchen (ca. 4 % der männlichen Bevölkerung) nur etwa 600 Nonnen auf der Insel gibt.3 Diese einseitige Verteilung bewirkt, dass in der Sangha (Gemeinschaft) essenzielle spirituelle Qualitäten von Weiblichkeit, wie Fürsorge und Demut, wenig Raum einnehmen. Gewalt 70 % der Bevölkerung Sri Lankas bezeichnen sich als Buddhisten, und jedes Kind kann die „Panca Sila“ (fünf ethischen Grundprinzipien) in- und auswendig.

Dennoch gehört Gewalt bis hin zu Mord und Todschlag zum Alltag. Politiker sind als Täter und Opfer keine Ausnahme. So wurde nicht nur der Ehemann der Präsidentin Bandaranaika ermordet, sondern 1959 auch ihr Vater, S. W. R. D. Bandaranaike. Ungewöhnlicherweise war der Mörder ein buddhistischer Mönch. Einige dieser blutigen Details erfuhr ich in den ersten Jahren meines Aufenthalts. Mein damaliges Kloster befand sich in derselben Straße, in der das Attentat stattgefunden hatte, und die damalige Präsidentenfamilie pflegte enge Beziehungen zu meinem Hauptmönch. In diesem Lanka Vipassana Centre wurde in erster Linie Meditation praktiziert, weshalb es nicht nur inmitten der sonst so hektischen Hauptstadt Colombo eine wohltuende Oase war, sondern auch unter den buddhistischen Klöstern eine Sonderstellung einnahm; denn auf Meditation wird dort selten Wert gelegt. Elitäres Mönchsleben Das Leben der meisten Mönche gleicht heutzutage dem christlicher oder hinduistischer Priestern oder sogar weltlicher Fürsten, da sie oft für riesige Gebäude und Besitztümer verantwortlich sind. Sogar in ärmlichen Gegenden stehen in den Tempelgebäuden Luxusmöbel und große Farbfernseher, die sich die meisten Dorfbewohner niemals leisten könnten. So ein moderner Mönchsalltag hat wenig mit unseren westlichen Idealvorstellungen zu tun oder mit den Beschreibungen in den alten buddhistischen Texten (Palikanon). Ursprünglich waren die Mönche darauf angewiesen, täglich durch Pindapada (Almosengang) ihre Lebensmittel zu besorgen.

Ich selber habe diese Art stiller, unaufdringlicher und bescheidener Nahrungssuche einige Jahre ausgeübt – ich war ja zu einem Bhikkhu, was wörtlich Bettelmönch heißt, ordiniert worden. Im Gegensatz zu den anderen Theravada-Ländern wird dies in Sri Lanka nicht mehr gepflegt. Heutzutage bringen Familien teuerstes Essen in die Tempel. Da die wenigsten Mönche keine Vegetarier sind – was auch von Buddha nie vorgeschrieben worden ist – werden auf diese Weise nicht nur ihre Körper häufig mit einem Übermaß an Kalorien versorgt, sondern auch ihr Stolz. Übergewicht, Diabetes und andere Gesundheitsprobleme sind immer häufiger. Und da Sport, Gartenarbeit oder andere körperliche Tätigkeiten schon seit Buddhas Zeiten in der Vinaya (Kodex für Mönche und Nonnen) untersagt sind und viele sich auch sonst nicht viel bewegen (ein Auto mit Fahrer gehört zur Grundausstattung vieler Klöster), hält kaum etwas diesen Prozess auf. Meditation und Ordination Ein Grund, warum Meditation eine so untergeordnete Rolle spielt, liegt darin, dass die meisten Novizen sehr jung ordiniert werden – oft nicht ganz freiwillig. Für die ärmere Bevölkerung ist ein ordiniertes Familienmitglied nicht nur eine Ehre, sondern auch eine große finanzielle Entlastung.

Aber auch eine Handlesung oder ein Horoskop kann den Ausschlag für eine religiöse Laufbahn geben, die die Aussicht auf eine gute schulische Ausbildung oder sogar einen Universitätsabschluss eröffnet. Zudem wird Mönchen mehr Respekt entgegengebracht als jedem weltlichen Beruf. Auch wenn es im Buddhismus kein lebenslanges Ordensgelübde gibt, wird in Sri Lanka von Mönchen und Nonnen erwartet, dass sie ein Leben lang im Orden bleiben, egal ob sie sich tatsächlich dazu berufen fühlen oder nicht. Buddhismus und Politik ¬Je weniger spirituelle Tiefe durch ein meditatives Leben erfahren wird, umso stärker ist der Hang, sich mit religiösen Namen, Schriften, Heiligtümern und Orten zu identifizieren. Das mag auch einer der Gründe sein, warum der Buddhismus in Sri Lanka so mächtig ist. Die offiziellen Repräsentanten sind zwei Hauptmönche, deren Residenzen in der einstigen Königshauptstadt Kandy liegen. Beide Klöster gehören zur Siam Nikaya, die mit fast 20 000 Mönchen und 6 000 Tempeln die größte und machvollste der drei Nikayas (buddhistische Orden) der Insel ist. Obwohl sich Buddha klar gegen das Kastensystem ausgesprochen hat, werden hier seit der Gründung im 18. Jahrhundert nur Männer der beiden höchsten Kasten ordiniert. Buddhistische Ereignisse und Heiligtümer Um zu verstehen, wie es zu dieser engen Verquickung von Buddhismus und Politik kommen konnte, ist ein Blick in die Geschichte hilfreich. Nach der sri-lankischen Chronik brachten die beiden Kinder des indischen Königs Ashoka, Mahinda und Sanghamittta, den Buddhismus mitsamt einem Ableger des Bodhi-Baums aus Bodhgaya im 2. Jahrhundert v. Chr. nach Sri Lanka. Dieser älteste dokumentierte Baum der Welt wird bis heute als Heiligtum verehrt. Damals wurde der Buddhismus zur einzigen Staatsreligion des Landes, und bis heute gleicht das Verhältnis von religiösen und weltlichen Machthabern dem mittelalterlichen Pakt von Papst und Kaiser.

Als im 1. Jahrhundert n. Chr. durch eine Seuche die Sangha stark reduziert wurde, beschlossen die Mönche, die bis dahin mündlich überlieferten Texte des Palikanons zum ersten Mal niederzuschreiben, damit sie nicht in Vergessenheit gerieten. Im 8. Jahrhundert konnte diese Machtstellung weiter gefestigt werden, als eine angebliche Zahnreliquie des Buddha nach Sri Lanka gebracht und in der eigens dafür errichteten Sri Dalada Maligawa (Zahn-Tempel) in Kandy sorgfältig verwahrt wurde, denn sein Besitz versprach nicht nur religiöse, sondern auch weltliche Macht. Trotz der idealen strategischen Lage der alten Königsstadt konnte die Briten dieses Heiligtum 1815 erobern und so ganz Ceylon beherrschen. Religiöse Stätten sind auch heute ein Angriffsziel. Obwohl dieser heiligste Tempel von schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten rund um die Uhr bewacht wurde, gelang es 1998 der LTTE durch Selbstmordattentäter einen Anschlag zu verüben. Kurz vor dem 50. Jahrestages der Unabhängigkeit Sri Lankas verübt, verletzte dieses Attentat nicht nur die religiösen Gefühle der Buddhisten, sondern auch deren Nationalstolz.

Die Ursachen liegen weit in der Vergangenheit. Buddhistischer Patriotismus Einerseits waren die Tamilen, mit nur 15 % Bevölkerungsanteil, von den Engländern gegenüber den Singhalesen bevorzugt behandelt und verstärkt im Verwaltungs- und Bildungssystem eingesetzt worden. Andererseits waren im 19. Jahrhundert die nationalistischen Strömungen gegen die britische Vorherrschaft in erster Linie von buddhistischen Mönchen und Laien geprägt. Einer davon war Anagarika Dhammapala, bekannt für seine rassistischen und nationalistischen Reden: „Diese prachtvolle, wunderschöne Insel wurde von den arischen Singhalesen in ein Paradies verwandelt, bevor sie durch barbarische Vandalen zerstört wurde. Seine Bevölkerung kannte keine Ungläubigkeit … Das Christentum und der Polytheismus sind für folgende vulgäre Praktiken verantwortlich: das Töten von Tieren, Stehlen, Prostitution, Zügellosigkeit, Lügen und Alkoholismus … Das alte, historische und gefühlvolle Volk verschwindet langsam durch die Bösartigkeit des teuflischen Heidentums, das durch die britische Führung eingeführt worden ist.“

Interessanterweise hat sich gerade durch das westliche Bildungssystem der christlichen Missionare innerhalb der singhalesischen Bevölkerung eine intellektuelle Elite gebildet, der es 1948 gelang, das Land in die Unabhängigkeit zu führen. Aber schon bald danach wurde die intellektuell und westlich geprägte Regierungspartei United National Party von der rassistisch und buddhistisch geprägten Sri Lanka Federal Party abgelöst. Unter S. W. R. D. Bandaranaike gewann sie 1956 mit dem Slogan „Sinhala only“ die Parlamentswahl, wobei sie von einer Welle des singhalesischen Nationalgefühls und den Feierlichkeiten zum 2 500. Buddha Jayanthi (Jahrestag von Buddhas Erleuchtung) getragen wurde. Der Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen Durch den „Official Language Act“ wurde Singhalesisch zur einzigen Amtssprache erhoben und alle nicht singhalesisch sprechenden Minderheiten zu einer Art zweiter Klasse degradiert. Die meisten tamilischen Beamten und Gebildeten verloren über Nacht ihre Jobs. Benachteiligung, Verfolgung und Verarmung bedingten eine Diaspora, die bis heute anhält. 1972 wurde der offizielle Staatsname von Ceylon in Sri Lanka geändert, was von vielen als probuddhistisch interpretiert wurde. Zehn Jahre später begann der Bürgerkrieg, der schätzungsweise 100 000 Menschenleben forderte, darunter in den letzten Monaten 40 000 Zivilisten.

Die Gewalt und Grausamkeit der sri-lankischen Armee und der tamilischen LTTE prägten das Land über 25 Jahre und versetzten die Bevölkerung auf beiden Seiten in Schrecken und in Zorn, die heute noch zu spüren sind. Wie stark Armee und Buddhisten miteinander verknüpft waren, erlebte ich Ende der 90er-Jahre, als in unserem Centre Lebensmittel und andere notwendige Dinge für singhalesische Dörfer gesammelt wurden, die Übergriffen durch die LTTE ausgeliefert waren, während die Armee immer wieder Massaker an der tamilischen Bevölkerung verübte. Um die gesammelten Spenden persönlich zu übergeben, fuhren wir mit einem Militärkonvoi zu dem ausgewählten Dorf. Erst einige Jahre später, als ich Singhalesisch besser verstand, wurde mir klar, von welchen rassistischen und kriegstreibenden Reden solche Hilfsaktionen begleitet wurden. Je mehr Einblick ich in die Politik und den sri-lankischen „Volksbuddhismus“ bekam, umso klarer wurde mir, dass für viele – vielleicht sogar für den Großteil der Gläubigen – Patriotismus wichtiger ist als die Lehre Buddhas. Da ich mich mit meiner Rolle als Mönch und mit den Aktivitäten und Einstellungen vieler meiner Glaubensbrüder nicht mehr identifizieren konnte, legte ich im April 2004 meine Mönchsrobe wieder ab. Der Tsunami und die Folgen Schon wenige Tage nach dem Tsunami, der am 26. Dezember 2004 über 30 000 Menschenleben gefordert hatte, zeigte sich, dass sich Singhalesen und Tamilen nicht gemeinsam dem Wiederaufbau widmen würden. Wesentlich mehr ausländische Spendengelder wurden für den singhalesischen Südwesten verwendet als für den Osten, obwohl dort die tamilische und muslimische Bevölkerung viel stärker betroffen war. Außerdem wird Präsident Mahinda Rajapaksa vorgeworfen, dass er Spenden für die Präsidentschaftswahlen im Jahre 2005 missbrauchte habe.

Durch eine geschickte Ämterverteilung an Verwandte, die Einschüchterung politischer Gegner, eine gute Zusammenarbeit mit den Mönchsparteien und radikalen buddhistischen Gruppierungen sowie durch die brutale Einschränkung der Pressefreiheit konnte er sich bis heute an der Macht halten. Mönche als fundamentalistische Politiker Die National Heritage Party (JHU) ist die erste politische Partei Sri Lankas, die nur aus Mönchen besteht. Bei den Parlamentswahlen 2004 gewann sie 6 % der Stimmen. Einer ihrer Abgeordneten, der Ehrwürdige Uduwe Dhammaloka, hat die Behauptung aufgestellt: „Es gibt keine Grenzen im Buddhismus, der Mönche davon abhält, in die Politik einzusteigen. Wenn die Nation bedroht war, sind Mönche sogar aufs Schlachtfeld gegangen.“4 Im Endeffekt waren es immer wieder solche radikal gesinnten Mönche sowie konservative Buddhisten, die eine friedliche Lösung unterminiert haben und mitverantwortlich dafür sind, dass der Konflikt im Mai 2009 so blutig zu Ende gegangen ist. Seit dem Sieg über die LTTE nimmt die Gewalt gegenüber der muslimische Minderheit zu. So war 25. März 2013 in einem Artikel der BBC zu lesen: „Bei einem Treffen, zu dem Tausende gekommen waren, hatte der Mönch und Präsident von Buddhist Power Force (BBS) [eine 2012 gegründete fundamentalistische Mönchspartei], Gnanasara Thero, alle anwesenden Buddhisten dazu aufgefordert ‚inoffizielle Polizisten gegen muslimischen Extremismus‘ zu werden, und behauptet, dass „sogenannte Demokraten“ die singhalesische Rasse zerstörten. […] Moderate buddhistische Mönche haben beschlossen, sich von den Hardlinern (d. h. der BBS) zu distanzieren. Allerdings bezeichnen die Hardliner sie deswegen als ‚unethisch und unmoralisch‘.

Es ist mittlerweile klar, dass die BBS Unterstützung von oberster Stelle hat.“5 Im September 2013 gab es im Norden die ersten Regionalwahlen seit 25 Jahren und damit einen Hoffnungsschimmer für die Tamilen, da sich die Tamilische Nationale Allianz gegen die Regierungspartei mit großer Mehrheit durchsetzen konnte. Auch wenn das Land seit dem Kriegsende Rekordzahlen im Tourismus und in der Wirtschaft verbuchen kann, sind es wiederum einige radikale buddhistische Mönche, die mit allen Mitteln versuchen, demokratische Prozesse zu verhindern. So berichtete die kanadische Zeitung Toronto Star am 13. Januar 2014, dem radikalen buddhistischen Mönch Iththbekande Saddhatissa werde vorgeworfen, Fremdenhass und religiöse Intoleranz zu verbreiten sowie der singhalesischen Dominanz über Sri Lankas tamilische Minderheit das Wort zu reden. Er organisiere Versammlungen gegen das tamilische Streben nach Unabhängigkeit des Nordens. Er habe das Ohr einer Regierung, die einen fundamentalistischen Buddhismus befürworte.

6 Für die Zukunft kann niemand vorhersehen, ob jene Mönche und Buddhisten, die die buddhistische Lehre von Liebe, Toleranz, Einheit und Weisheit tief im Herzen verankert haben, künftig wieder mehr eine vorbildliche Rolle für alle Bewohner dieser in vieler Hinsicht so paradiesisch erscheinenden Insel spielen oder die politisch aktiven, fundamentalistischen Mönche und buddhistische Machthaber das Land noch tiefer spalten werden.

ANMERKUNGEN:
1 http://search.salzburg.com/display/sn2005_20.05.2014_41-52825759
2 Die Abhängigkeit der Nonnen von den Mönchen wurde von Anfang an in den Ordensregeln festgelegt.
3 Zum Vergleich: In Deutschland gibt es 4 500 männliche und 18 300 weibliche Ordensmitglieder der katholischen Kirche (= 0,003 % der Bevölkerung).
4 http://www.buddhistchannel.tv/index.php?id=1,1858,0,0,1,0#.Uv3A7IXZiaQ
5 http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-21840600
6 http://www.thestar.com/news/world/2014/01/13/meet_sri_lankas_radical_buddhist.html
7 http://en.wikipedia.org/wiki/Jathika_Hela_Urumaya.

Göttlichkeit.


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OM Asatoma Satgamaya (yoga.Zeit, 2013)

„Möge ich vom Unwesentlichen zum Wesentlichen gelangen.“ Das ist die erste Zeile eines Mantras aus den Upanishaden, das ich gerne am Anfang meiner Yoga-Stunde rezitiere, denn jeder einzelne Vers beinhaltet die Essenz des Yoga. Solche Weisheitsformeln werden in Indien quasi mit der Muttermilch aufgenommen, auch wenn die darin enthaltene Weisheit oft nur ehrfürchtig geahnt wird. „So ist Indien.“ schreibt Abdi Assadi in ‚Schatten auf dem Pfad‘: „Es herrscht dort eine so tiefe unterschwellige Kultur der Verehrung, gegenwärtig und historisch, dass man ihre Auswirkungen sogar dann noch spürt, wenn man nicht ein einziges Mal sein klimatisiertes Hotelzimmer verlässt.“

Wenn ich indischen Boden betrete und Kulturschock und Jetlag sich gelegt haben, tauche ich dort – trotz dem allgegenwärtigen Chaos – in eine andere spirituelle Dimension ein, die mir zu Hause durch meine Oberflächlichkeit und die meiner Umgebung oft versagt bleibt. Das unermüdliche Nachlaufen hinter den kurzweiligen Freuden von a-sat (der materiellen Un-Wirklichkeit) bewirkt unsere tiefsitzende Angst vor der Endlichkeit. Da aham-kara (wörtlich der „Ich-Träger“) den Körper und die Welt als die einzige Realität sieht, muss sich das Ego vom Aufwachen bis zum Einschlafen pausenlos abmühen, um māyā (Illusion) möglichst interessant und sinnvoll zu gestalten - nach indischen Maßstäben eine Sisyphusarbeit. Atman (unser Wesenskern) wird dabei so überzeugend verdeckt und die Welt in Form von Gedanken so trügerisch darauf projiziert, dass wir uns vom eigentlich Lebensglück und Ziel des Yoga immer weiter entfernen: sat-chit-ananda (selige bewußte Existenz). In allen vier klassischen Yoga-Richtungen (raja, karma, bhakti und jnana) werden dem sadhaka (Praktizierenden) zwei spirituelle Haltungen nahe gelegt: 1. bhakti (Hingabe) lässt den Glauben reifen, dass hinter dem vergänglichen Körper-Geist-Komplex, das vom Ego irrtümlich für sich beansprucht wird, eine unveränderliche göttliche Essenz (atman) liegt. 2. vairāgya (das Loslassen sinnlicher Eindrücke) bewirkt, dass man sich immer weniger in den Stürmen und den Wogen des Lebens verliert oder darin untergeht.

Erst dann wird klar, was Patanjali mit Yoga als „citta-vrtti-nirodhah“ meint: das zur-Ruhe-Kommen der Geistesbewegungen. Als Tiziano Terzani über Indien schrieb, bemerkte er: „Mit unserer rein materialistischen Vorstellung von Freiheit haben wir jahrhundertealten Traditionen den Garaus gemacht, jedes Glaubensbekenntnis ins Lächerliche gezogen, jedes Ritual beseitigt und damit unser Leben des Geheimnisvollen und der Poesie beraubt.“ Erst in Indien wurde mir klar, was für eine transformierende Wirkung die unzähligen – und für unseren Intellekt scheinbar sinnlosen – Rituale und Zeremonien auf unser Bewusstsein und Unterbewusste haben können. So stehen in Indien an allen möglichen und unmöglichen Stellen Götterfiguren, Tempel und bestimmte Pflanzen, Bäume und Berge, die als Heiligtümer verehrt werden. Diese sollen uns immer wieder die eigene Beschränktheit und Vergänglichkeit bewusst machen.

Und wenn Inder sich ihre Stirn mit Tilak, einem ‚göttlichen Stempel‘, markieren, dann soll dies ein Hinweis sein, dass jeder von uns die göttliche Essenz eigentlich in sich trägt. Im Gegensatz dazu hat es unsere Mulitkulti-, Fastfood- und World-Wide-Web-Gesellschaft geschafft, Rituale, spirituellen Praktiken und natürlich auch Yoga nur oberflächlich zu importieren. Und so wird in mancher abendlichen Yoga-Stunde schnell Mal das Gayatri Mantra in einer rockigen Version lautstark gespielt, auch wenn durch diese heiligen Verse eigentlich der stillen Kraft der Morgensonne gehuldigt werden sollte. Sieht man in so vielen Yoga-Studios einen Buddha an prominentester Stelle, weil er gerade inflationär en vogue ist, oder weil der moderne Yogi einfach nicht weiß, dass Buddha nicht Yoga gelehrt hatte? Mythologisch ist Gott Shiva der Begründer, als er seiner göttlichen Gefährtin Parvati 84.000 Asanas beibrachte.

Und geschichtlich geht Yoga auf Patanjali zurück, den Autor des Yoga-Sutra im 2. Jh.v.Ch., und auf Goraksha-Yogi, den Begründer des Hatha-Yoga im 7. Jh. Auch wenn Buddha als Avatar Vishnus gilt, wird seine Lehre von manchen Indern als unorthodox angesehen, da er die Veden, und damit das Fundament des Yoga, in Frage stellt und seine Anhänger die Erkenntnis von an-attma (Nicht-Selbst) anstreben. Vielleicht fallen einem solche westlichen Verwirrung erst auf, wenn man das Ursprungsland des Yoga betreten hat; dann wird einem auch klar, dass es dabei um mehr geht, als bloß um körperliche Ertüchtigung und welche tiefgreifende Wahrheit hinter Versen wie „OM Asatoma Satgamaya“ steht.

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Von der Dunkelheit zum Licht (yoga.Zeit, 2013)

„Tamasoma jyotir gamaya“ ist eines jener vedischen Mantren, welches als Kompass für unsere Yoga-Praxis und fürs Leben verwendet werden kann. Um diese Aussage „Möge ich von der Dunkelheit zum Licht gelangen“ überhaupt verwirklichen zu können, ist aber eine gewisse Ahnung von den drei Guṇas (Qualitäten) notwendig, die jeden Moment in uns und im Universum am Wirken sind. Wenn wir noch im Dunkeln eines unbekannten spirituellen Weges stehen und blind Anweisungen folgen, egal wie yogisch diese zunächst erscheinen, dann kann uns das sogar von einer innerer Klarheit noch weiter entfernen.

Wie viele andere Heilslehren, verleitet auch der Yoga-Boom dazu, mit allen Tricks, die Menge von Konsum-Verwirrten und Burnout-Gefährdeten zu ködern. Kürzlich bin ich einem jungen Yoga-Enthusiasten begegnet, dem bei seiner Ausbildung das Motto ‚no pain, no gain‘ so eingetrichtert wurde, dass er sogar seine Asana-bedingten Verletzungen als Teil des Yoga interpretierte. Durch seine unausgeglichene Praxis ist sein Raja-Guna so durch die Decke geschossen, dass er sich manchmal nur noch durch einen Joint zu helfen wusste. Wahrscheinlich beobachtete er bei seinem letzten Indien-Aufenthalt, wie viele Sadhus sich dort ganz entspannt „zur Erleuchtung“ rauchen.

Wo die Einseitigkeit und die Fehler des Systems liegen, kann bei manchen trendigen Yoga-Festivals beobachtet werden. Dabei hörte ich einmal zu den hundert schwitzenden Asana-Freaks folgende Ansage: „Egal wie viel Yoga ihr heute schon gemacht habt, man kann nie genug davon üben.“ Voller Begeisterung stürzte sich die Menge in den nächsten Body-Workout, ohne darauf zu achten, ob der Körper vor lauter Bewegung schon fast am Kollabieren und der Geist am Durchdrehen ist: das Ego in seiner Blindgläubigkeit oder „Flatrate-Gier“ will einfach noch mehr. Bevor wir unser Heil ausschließlich auf der Matte suchen, sollten wir uns überhaupt einmal klar werden, welches der Guṇas in diesem Augenblick und unserer momentanen Lebensphase am stärksten wirkt: ist es Tamas in Form von Trägheit und Erschöpfung, oder Rajas in der Qualität von Unruhe und Nervosität?

Meist pendeln wir vom Moment des Aufwachens bis zum Einschlafen, von der Kindheit bis zum Greisenalter, zwischen diesen zwei Extremen unaufhörlich hin und her. Erst durch eine feinfühlige und reflektierende spirituelle Praxis und einen entsprechenden Lebenswandel wird es möglich sein, Tamas und Rajas so zu reduzieren, dass die Qualität von Sattva (entspannte Wachsamkeit) an Kraft gewinnt – und das Leben an einfacher Klarheit. Wenn wir am Yoga-Weg von der Dunkelheit zu jenem inneren Licht gelangen wollen, kann man tatsächlich nie genug Yoga üben.

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