Freitag, 29 Juli 2022 19:56

Vier Aspekte des Yoga

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4 Yoga RegenbogenÜber die Jahrtausende hinweg wurde die Definition von Yoga immer wieder variiert und angepasst. Und auch heute bedarf es einer umfangreichen Betrachtungsweise, um Yoga (das im Sanskrit ursprünglich Verbindung bedeutet) besser verstehen zu können.
Dabei sind folgende vier Bereiche ein gutes Erklärungsmodell, um sich der umfassenden Vielfalt des Yoga bewusst zu werden:
1) Körper (Asana)
2) Energie (Pranayama) 
3) Geist (Meditation)
4) Übermenschliche Aspekt (Wahrheits-Erkenntnis)

Yoga: Asana - Pranayama - Meditation - Wahrheits-Erkenntnis

Durch diese vierfache Unterteilung ist es möglich, die unterschiedlichsten Bereiche abzudecken, die Yoga im Laufe der Jahrtausende durchlebt hat: Von der ursprünglich philosophischen und meditativen Ausrichtung bis hin zum körperorientierten Trend der Gegenwart.

1) Körper (Asana)

ist bei uns im Westen am bekanntesten bzw. am populärsten. Sein Ursprung stammt aus dem Mittelalter, als im Hinduismus Hatha-Yoga als revolutionäre Gegenbewegung des Tantra an Bedeutung gewonnen hatte. Dabei waren die Hatha-Yogis von einst nicht an sportlicher Gymnastik, entspannter Wellness oder an körperlicher Gesundheit interessiert. Es ging ihnen dabei um spirituelle und übernatürliche Erfahrungen, die sie mit Hilfe von körperlichen, energetischen und mentalen Übungen anstrebten.

Warum sich der körperliche Aspekt des Yoga seit dem letzten Jahrhundert – und speziell in den letzten 30 Jahren – so schnell weltweit ausgebreitet hat, mag unterschiedliche Gründe haben: Einerseits liegt dies an den modernen, körperbetonten Gesundheits- und Schönheitsidealen, an der fortschreitenden Globalisierung und an der zunehmend materialistischen Einstellung unserer Gesellschaft. Andererseits kommen bei unserer schnelllebigen und gestressten Lebensweise jene natürlichen Bedürfnisse des Körpers zu kurz, die durch modernes Hatha-Yoga gezielt adressiert werden.
Verstehen wir unter Yoga in erster Linie die Praxis von Asanas als eine Art achtsame Gymnastik, dann werden wir allerdings nur die Oberfläche des Yoga berühren.

Beim körperlichen Yoga-Aspekt geht es nicht nur um die Art, wie wir mit unserem Körper umgehen, ihn ausrichten und bewegen. Es geht dabei auch darum, wie wir ihn gesund erhalten und ernähren.
Daher meinte Krishnamachariya – der indische Vater der modernen yogischen Körperkultivierung: „Food is the first Yoga”. Und Ramana Maharshi, der bekannteste Jnana-Yogi des letzten Jahrhunderts sagt: „Maßvolle sattvische Ernährung ist für die spirituelle Entfaltung am wichtigsten.“

2) Energie (Pranayama)

beinhaltet Prana oder Lebensenergie. Diese Form der Yogapraxis wird als Pranayama bezeichnet. Dabei geht es um die grundlegende Kontrolle und um die daraus entstehende Ausdehnung von Lebensenergie. Da Energie, Atem und der lebendige Organismus nicht voneinander zu trennen sind, stehen der feststoffliche Körper und der Energie-Körper in einem engen symbiotischen Verhältnis. Einerseits ist die bewusste und vertiefte Atemlenkung ein wesentlicher Bestandteil der Asana-Praxis. Andererseits ist eine stimmige Körperhaltung die Grundlage für eine gut funktionierende Atmung und für eine natürlich fließende Lebensenergie. 

Eine gewisse körperliche Fitness und Geschmeidigkeit ist hilfreich, um yogische Körper- und Atem-Übungen richtig ausführen zu können. Mit etwas Erfahrung kann man natürlich auch im höheren Alter oder bei Krankheit gezielt angepasste Übungen praktizieren, um vom wohltuenden psychosomatischen Effekt zu profitieren.

3) Geist (Meditation)

legt den Schwerpunkt auf den Geist. Dabei geht es in erster Linie um Meditation und mentale Entfaltung. Wie wichtig Geisteskontrolle im Yoga ist, wird klar, wenn wir uns jene Definition bewusst machen, die Patanjali vor mehr als 1500 Jahren so beschreibt: „Yoga ist jener Geistes-Zustand, in dem die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen.“ (Yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ)

Bei der Meditation geht es nicht nur um Entschleunigung und Auflösung von Gedanken durch Konzentration auf den Atem, auf ein Mantra oder auf ein anderes Meditations-Objekt. Es geht auch um Reflektionen von wichtigen Lebensthemen wie bedingungslose Liebe, Vergänglichkeit oder Tod.

In diesem Sinne steht das Kultivieren der inneren Haltung naturgemäß in engem Zusammenhang mit Körperhaltung und Lebenshaltung. Idealerweise adressieren wir psychosomatische Probleme - wie negative Emotionen oder Krankheiten - auf ganzheitliche Weise: d.h. – mit umfassenden Übungen und Behandlungen, die Körper, Lebensenergie und Geist auf heilsame Weise beeinflussen.

Haben wir mit Hilfe von Geistesschulung und Meditation einen klaren, ruhigen und offenen Geist kultiviert, können wir uns wesentlichen Lebensfragen besser widmen. Erst daraus kann sich ein individueller und zufriedenstellender Lebenssinn (genannt Dharma) entfalten.

Gelingt es uns, Körper, Energie und Geist stimmig und ausgeglichen zu adressieren, werden wir jene Kraft und Resilienz entfalten, die uns dabei hilft, auch mit unerwarteten und dramatischen Schicksalsschlägen gut umzugehen. Erst dann zeigt sich, wie weit wir wirklich schon auf unserem yogischen Weg sind, um Krisen als Chancen zu erkennen und diese zur persönlichen Entfaltung zu nutzen.

4) Übermenschliche Aspekt (Wahrheits-Erkenntnis)

Auch wenn wir diese ersten drei Aspekte – Körper, Energie und Geist - gewissenhaft und lange praktiziert haben, sind deswegen noch nicht automatisch alle Tiefen des Bewusstseins und alle Ziele des Yoga erreicht. Der letzte Aspekt deckt jedoch diesen transpersonalen Bereich ab. Er ist allerdings am schwierigsten zu definieren bzw. zu verstehen. Dabei geht es um Erfahrungen, die jenseits unseres menschlichen Denkens und Begreifens liegen. Es geht dabei um die Reduzierung von menschlicher Beschwernis; und schlussendlich geht es um jene Befreiung von allem Leid, das mit dem Sanskrit-Begriff „Moksha“ bezeichnet wird - und mit Erleuchtung gleichgesetzt werden kann.

Es gibt eine gute Definition des Yoga, mit der auch die meisten gläubigen Hindus, erfahrene Yoga-Meister und Gelehrte  sowie ernsthaft praktizierende Yogis und Yoginis einverstanden sind:
„Yoga is an indian derived practice for liberating insight.“ Yoga ist eine Praxis, die aus Indien stammt und eine befreiende Erkenntnis ermöglicht.

Dieser vierte Bereich, wird in erster Linie im traditionellen Bhakti-Yoga – dem Weg der Hingabe und im Jnana-Yoga – dem Weg der Erkenntnis praktiziert.

Letztere Yoga-Tradition weist übrigens viele Ähnlichkeiten mit der ursprünglichen Lehre des Buddha auf. Vertiefen wir diesen Teil des Yoga, haben wir die einzigartige Chance unser Menschsein und die Weltbühne als Illusion und Schauspiel zu durchschauen und unser wahres Wesen zu entdecken. Dann ist es möglich, unser selbstgemachtes menschliches Leid zurückzulassen und unser verborgenes Glück zum Erstrahlen zu bringen.

Auf einen Nenner 

bringt eine Definition aus der Bhagavadgita alle genannten Aspekte:
yogah karmasu kaushalam“: Yoga bedeutet, auf heilsame Weise zu wirken.

Mit Hilfe dieser vier Yoga-Bereiche können wir erahnen (und vor allem auch erfahren), wie viel Selbstwirksamkeit und wie viel immanentes Glück uns eigentlich zur Verfügung stehen.

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