Mittwoch, 13 Dezember 2017 10:40

Advent lauter Konsum oder leise Läuterung

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Advent MondseeMan kann es heutzutage kaum glauben, aber bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Advent eine Fastenzeit. „Adventus Domini“ war die Zeit im Jahr, um sich auf die „Ankunft des Herrn“ vorzubereiten. Im übertragenen Sinn bedeutet dies, sich für das (innere) Göttliche zu läutern. Um sich dieser erhabenen Wahrheit bewusst zu werden, die in jedem von uns - jenseits von Konfessionen und Glaubenssätzen - schlummert, ist Verzicht und Loslassen essentiell. Unterstützt wird dieses Innehalten durch den natürlichen Rückzug und die spürbare Stille, die wir um diese Jahreszeit in der Natur und durch die langen, finsteren Nächte und kurzen, kalten Tage wahrnehmen.


Advent als Spirituelle Chance

Die clevere Menschheit hat es mit der Erfindung der Elektrizität geschafft, sich vom natürlichen und erholsamen Rhythmus von Tag und Nacht, Sommer und Winter abzukoppeln. Dabei hat sie vor lauter geschäftigem Herumhetzen und kurzweiligem Konsumieren verlernt, die eigene Stille zu berühren. Aber wie wichtig Innehalten ist, um die eigene Mitte zu finden, darauf weisen schon immer die weisen Lehrer, feinfühlige Poeten und voraussehende Propheten in Ost und West hin:

In der Stille angekommen

(von Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)
„In der Stille angekommen, gehe ich in mich, stehe ich zu meinen Stärken und Schwächen, liegen mir mein Leben und die Liebe am Herzen.
In der Stille angekommen, sehe ich mich, dich, euch und die Welt mit anderen Augen, mit den Augen des Herzens.
In der Stille angekommen, höre ich auf mein Inneres, spüre ich Geborgenheit, lerne ich Gelassenheit, tanke ich Vertrauen.“

Mangelgefühl & www-Verstrickung

Wenn wir genauer hinschauen, dann sehen wir, dass hinter dem scheinbar normalen Wahnsinn des uneingeschränkten Konsums, Bedürftigkeit, Mangelgefühl und fehlendes Selbstbewusstsein liegen. Das dauerhafte Ignorieren und Kompensieren dieser psychologischen Tatsache bringt nicht nur uns selber immer mehr aus dem Gleichgewicht, sondern auch unsere Gesellschaft, unsere Umwelt und unseren ganzen Planeten.

Die Advents-Zeit lädt nicht nur zur materiellen Reduktion ein, sondern auch zum digitalen Fasten. Wie noch nie zuvor hat sich die Menschheit so vom Internet-Konsum abhängig gemacht. Niemand weiß wirklich, wie viele Frauen und Männer sich täglich bei Facebook & Co oder beim Internet-Shoppen verstricken und ihren Spielsüchten und erotischen Phantasien nachjagen - sei es zufällig, gewohnheitsbedingt oder zwanghaft. Denn offiziell spielen wir alle in der Freizeit Schach oder Mensch-Ärger-Dich-Nicht, lesen Hesse oder die FAZ, und gehen im Wald spazieren oder pilgern den Jakobsweg.

Erst kürzlich hab ich mir den romantischen Film „Before Sunrise“ angesehen, der bei mir nachdenkliche nostalgische Gefühle hinterließ - nicht nur weil die Schauspieler so alt sind wie ich, sondern weil er noch in einer berührbaren Welt vor der digitalen und virtuellen Revolution spielt: 1995 in Wien gedreht, zeigt er einen Tag im Leben zweier junger, frisch verliebter Menschen, die noch nicht von Whats-App, Selfies, Google, Parship oder sonstigen modernen "Errungenschaften" geprägt und beeinflusst sind.

Time Compression Syndrom

Fasten hat immer etwas mit Disziplin zu tun, denn erst durch bewussten Minimalismus können sich gewohnte Grenzen zeigen und dadurch transzendiert werden. Man muss ja nicht gleich lebenslang Asket oder Nonne werden. Schon ein temporäres Reduzieren kann Klarheit darüber bringen, was einem im Leben wirklich wichtig ist und wann sich das Herz tatsächlich öffnet.

Im Advent oder während der Fastenzeit kann sich unser T.C.S auflösen. Statt zu viele Aktivitäten in zu kurzer Zeit zu erledigen, können wir beginnen, mehr auf Minimalismus & Qualität zu achten: in Bezug zu Lebensmitteln, Konsumgütern, sinnlichen Genüssen, und unserer so kostbaren und unbezahlbaren Zeit.

Fear Of Missing Out

Mit der Zeit und der spirituellen Reife werden wir auch entdecken wie gut es tut, wenn wir unser Leben von FOMO (Fear Of Missing Out) auf JOMO (Joy Of Missung Out) ausrichten. Denn ist es wirklich so wichtig, dass wir immer auf dem Laufenden sind, was andere gerade so machen (und wir versäumen) oder anderen von unseren „so weltbewegenden“ Tätigkeiten mitteilen? Vom karmischen Standpunkt sind wir sowieso IMMER am richtigen Platz zur richtigen Zeit, und haben uns das kreiert, was wir gerade erleben dürfen; auch wenn unser Ego da oft ganz anderer Meinung ist.

Sich vom Herzen führen lassen

Advent könnte also eigentlich eine so wunderbare Zeit sein, um mehr zu sich und zur inneren Stille zu kommen; und folgende Worte von Lao Tse können dazu eine große Inspiration sein:

„Die fünf Farben machen unser Augen blind.
Die fünf Töne machen unsere Ohren taub.
Die fünf Geschmäcker machen unsere Zunge schal.
Vergnügen machen unser Herz schal.
Daher lässt sich der Weise von seinem Herzen führen und nicht von seinem Auge.“

Genügsamkeit

Zu manchen Zeiten kann es ja tatsächlich erfreulich und bereichernd sein, über einen (Weihnachts-) Markt zu schlendern, sich von einem Film berühren oder vom Internet belehren zu lassen. Aber amüsant und entspannend wird das Leben dann, wenn wir die Aussagen von zwei genügsamen Philosophen der Antike reflektieren ... speziell in (Advents-) Zeiten wie diesen:

  • „Was gibt es alles, das ich nicht brauche!" (Dieser Satz wird Sokrates zugeschrieben, als er über einen Markt ging.)
  • „Der Weise trägt all das Seinige mit sich.“ (Sapiens omnia sua secum portat.) Cicero


Das Foto habe ich bei meinem letzten Winterspaziergang zu Hause in Mondsee (mit Schafberg im Hintergrund) aufgenommen; kurz bevor ich nach Asien abgeflogen bin, um dort die nächsten drei Monate in der Wärme zu verbringen.

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1 Kommentar

  • Kommentar-Link Samstag, 16 Dezember 2017 07:58 gepostet von Ulrike Eberling

    Danke, lieber Florian für deine weisen Worte, die ich gerade in der Zeit des Advents (des Ankommens) sehr stimmig und inspirierend empfinde.
    Ich wünsche dir und Daniela eine wunderbar wärmende Zeit voller Licht und Liebe!
    Ulrike

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