Mittwoch, 13 Dezember 2017 10:40

Advent: lauter Konsum oder leise Läuterung

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Advent Mondsee

„Die fünf Farben machen unsere Augen blind.
Die fünf Töne machen unsere Ohren taub.
Die fünf Geschmäcker machen unsere Zunge schal.
Vergnügen machen unser Herz wirr.
Daher lässt sich der Weise von seinem Herzen führen
und nicht von seinem Auge.“
   Laozi

Man kann es heutzutage kaum glauben, aber bis vor 100 Jahren war Advent eine Zeit der Reduktion und des Fastens. „Adventus Domini“ war die Zeit im Jahr sich auf die „Ankunft des Herrn“ vorzubereiten. Im übertragenen Sinn bedeutet dies, sich für das (innere) Göttliche zu läutern. Das Adjektiv „lauter“ heißt „rein“, „ungetrübt“, „aufrichtig“ und beinhaltet jene Qualitäten, die wir auch im Yoga in dem Begriff satya (Wahrhaftigkeit) wiederfinden; also jenes yama (Disziplin), das uns immer wieder auf das eigentliche Ziel des Yoga hinweist.


Advent als Spirituelle Chance

Um sich dieser erhabenen Wahrheit, die in jedem von uns jenseits von Vorlieben, Konfession und Glaubenssätzen schlummert, bewusst zu werden, sind die sattvischen Eigenschaften von Bewusstheit, Verzicht und Loslassen essentiell. Dieses wachsame Innehalten und nach innen Lauschen wird durch den Rückzug der Natur, die Stille dieser Jahreszeit, die langen, finsteren Nächte und kurzen, kalten Tage unterstützt.

Der Mensch hat sich im Laufe seiner Entwicklung über die Natur hinaus entfaltet und sich dadurch von ihr entfremdet. Durch seine Cleverness konnte er zwar das Feuer kultivieren und die Elektrizität erfinden, aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. All unsere selbstverständlichen Annehmlichkeiten bringen auch eine Abkoppelung vom natürlichen und regenerierenden Tages- und Jahres-Rhythmus mit sich. Seitdem im letzten Jahrhundert der Konsumwahn zum Lebenssinn und Gottesersatz wurde, haben viele Menschen vor lauter geschäftigem Herumhetzen und kurzweiliger Genusssucht verlernt, die eigene Stille zu berühren, die früher zumindest durch bestimmte Feiertage und Rituale zugänglich gemacht wurde.

Wer und was bestimmt unser Leben

Schon im 19. Jahrhundert hatte Friedrich Nietzsche festgestellt: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.“ Weise Lehrer, feinfühlige Poeten und voraussehende Propheten in Ost und West haben schon immer darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, inne zu halten. Und es ist kein Zufall, dass auch im Yogasutra der Sinn des Yoga nicht darin besteht den Körper in Bewegung zu versetzen, sondern die Geistesbewegungen zu beruhigen („yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ“ YS, I,2).

In der Stille angekommen

Der österreichische Dichter Ernst Ferstl hat die zeitlose und konfessionslose Wirkung dieser Geistesberuhigung einmal so beschrieben:
„In der Stille angekommen, gehe ich in mich, stehe ich zu meinen Stärken und Schwächen, liegen mir mein Leben und die Liebe am Herzen.
In der Stille angekommen, sehe ich mich, dich, euch und die Welt mit anderen Augen, mit den Augen des Herzens.
In der Stille angekommen, höre ich auf mein Inneres, spüre ich Geborgenheit, lerne ich Gelassenheit, tanke ich Vertrauen.“

Mangelgefühl & www-Verstrickung

Hinter dem scheinbar normalen Wahnsinn des uneingeschränkten Konsums stehen oft Bedürftigkeit, Mangelgefühl und fehlendes Selbstbewusstsein. Tamasische Ignoranz und rajasisches Kompensieren entfernt uns immer weiter von sattvischer Bewusstheit und Gelassenheit. Diese Entfremdung bedingt nicht nur, dass wir uns selbst immer mehr in ein Ungleichgewicht bringen, sondern auch unsere Gesellschaft, unsere Umwelt und unseren ganzen Planeten – was sich derzeit mehr denn je zeigt.

So könnte eigentlich die Advents-Zeit ein wunderbarer Anlass sein, um sich nicht nur materiell bewusst einzuschränken, sondern auch digital. Ohne dass es uns bewusst ist, verfangen wir uns zunehmend im Netz des Internet und der Multimedien. Dabei täuscht uns der clevere Einsatz von künstlicher Intelligenz und Algorithmen vor, dass wir mit jedem weiteren Click und jedem „Like“ informierter, glücklicher und freier werden. Niemand weiß wirklich, wie viele sich täglich bei Facebook & Co oder beim Internet-Shoppen verstricken und ihren Spielsüchten und erotischen Phantasien nachjagen; sei es „zufällig“, gewohnheitsbedingt oder zwanghaft. Denn nach außen hin spielen wir alle in der Freizeit Schach oder Mensch-Ärger-Dich-Nicht, lesen Hermann Hesse oder die FAZ, und gehen im Wald spazieren oder pilgern den Jakobsweg.

Goethes „Zauberlehrling“

Der 1995 in Wien gedrehte Spielfilm „Before Sunrise“ zeigt einen Tag im Leben zweier junger, frisch verliebter Menschen in einer noch direkt berührbaren und relativ unkomplizierten Welt. Er hat mich nostalgisch an meine eigene Jugend erinnert und an jene Zeit bevor die digitale und virtuelle Welle unser Leben und unseren Alltag erfasst hat, mit all den nicht mehr wegzudenkenden „Errungenschaften“ von Computern, Smartphones, Mails, WhatsApp, Google, Facebook & Co. Unsere komplexen und undurchschaubaren Lebensumstände erinnern mich manchmal an Goethes „Zauberlehrling“; allerdings ist weit und breit kein weiser Meister in Sicht, der unsere Besen wieder unter Kontrolle bringen könnte.

Time Compression Syndrom

Fasten hat immer etwas mit Disziplin zu tun, denn erst durch bewussten Minimalismus können sich gewohnte Grenzen zeigen und dadurch transzendiert werden - man muss ja nicht gleich Asket oder Nonne werden. Schon ein temporäres Reduzieren kann Klarheit darüber bringen, was einem im Leben wirklich wichtig ist und wann sich das Herz tatsächlich öffnet. Im Advent oder während einer Fastenzeit haben wir die Chance das T.C.S. zu entwirren und aufzulösen. Statt zu viele Aktivitäten in zu kurzer Zeit zu erledigen, können wir beginnen, mehr auf Minimalismus & Qualität zu achten: Sei es in Bezug auf Lebensmittel, Konsumgüter, sinnliche Genüsse, und vor allem in Bezug auf unsere so kostbare und unbezahlbare Zeit.

Fear Of Missing Out

Mit der spirituellen Reife werden wir entdecken wie gut es tut, wenn wir unseren Lebensfokus von FOMO (Fear Of Missing Out) auf JOMO (Joy Of Missung Out) ändern. Wir sollten uns vielleicht auch fragen, ob es wirklich so wichtig, dass wir immer auf dem Laufenden sind, was andere gerade so machen (und wir vielleicht versäumen)? Und warum müssen wir uns und unsere „weltbewegenden“ Erlebnissen und exotischen Reisen immer so toll präsentieren? Vom karmischen Standpunkt aus betrachtet sind wir sowieso IMMER am richtigen Platz zur richtigen Zeit, denn letztendlich haben wir selbst das kreiert, was uns das Leben tagtäglich beschert. Unser Ego wird genug Gründe finden, andere für etwas zu beschuldigen oder zu beneiden.

Genügsamkeit

Zu manchen Zeiten kann es ja tatsächlich schön sein über einen (Weihnachts-) Markt zu schlendern, sich von einem Film berühren oder vom Internet inspirieren und belehren zu lassen. Aber erkenntnisreicher (viveka), zufriedener (santosha) und glücklicher (sukha) wird unser Leben wahrscheinlich erst dann, wenn wir über folgende Aussagen von zwei genügsamen Philosophen der Antike reflektieren ... speziell in (Advents-) Zeiten wie diesen:
„Was gibt es alles, das ich nicht brauche!" Dieser Satz wird Sokrates zugeschrieben, als er einen Markt besuchte.
„Der Weise trägt all das Seinige mit sich.“ Sapiens omnia sua secum portat. Cicero

Das Foto habe ich bei meinem letzten Winterspaziergang zu Hause in Mondsee (mit Schafberg im Hintergrund) aufgenommen; kurz bevor ich nach Asien abgeflogen bin, um dort die nächsten drei Monate in der Wärme zu verbringen.

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1 Kommentar

  • Kommentar-Link Samstag, 16 Dezember 2017 07:58 gepostet von Ulrike Eberling

    Danke, lieber Florian für deine weisen Worte, die ich gerade in der Zeit des Advents (des Ankommens) sehr stimmig und inspirierend empfinde.
    Ich wünsche dir und Daniela eine wunderbar wärmende Zeit voller Licht und Liebe!
    Ulrike

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