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Dienstag, 16 März 2021 15:42

Sechs Qualitäten zur spirituellen Entfaltung

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Licht Hoehle„Es gibt Melodien, es gibt Worte, es gibt Bilder, es gibt Gesänge, die nur in uns, in unserer Seele schlummern, und es ist die zentrale Aufgabe unseres Lebens, sie auszusagen und auszusingen. Einzig zu diesem Zweck sind wir gemacht; und keine Aufgabe ist wichtiger, als herauszufinden, welch ein Reichtum in uns liegt.“ Eugen Drewermann


Wie alles im Leben kann man auch den spirituellen Weg und die Meditation in sehr enge Bahnen lenken, wenn sie sich stark an bestimmten Vorstellungen, Traditionen und Autoritäten orientieren. Dadurch wird die Wahrnehmung über sich und die Welt nicht unbedingt weiter und leichter. Durch einige solcher Lebensschulen bin ich selber gegangen … solange, bis mir klar wurde, dass Spiritualität mit besonderen Tugenden zu tun hat, die von innen her kommen und frei machen.

Offenes  Gewahrsein

Da Meditation oft mit Konzentration gleichgesetzt ist, wird diese erste und grundlegende Qualität leicht übersehen. Natürlich ist es wichtig, wenn ich mit dem üblichen mentalen Tohuwabohu konfrontiert werde, zunächst einen gewissen Fokus aufzubauen. Aber wenn die rajasische Energie am Abklingen ist, dann kann es sehr heilsam sein, wenn ich mich aus dieser künstlichen Enge wieder löse, anstatt zu versuchen, andere potentielle Phänomene im Bewusstseinsfeld mit Anstrengung auszuklammern.

Gelassenheit

Offenheit hat mit Gelassenheit zu tun, d.h. mit der Fähigkeit, dass ich das, was gerade entsteht zulassen, und das, was gerade vergeht, loslassen kann. Dabei ist die wertfreie Betrachtung ein wesentlicher Faktor, egal ob ich etwas in mir oder außerhalb von mir als angenehm, schön oder stimmig wahrnehme oder als unangenehm, schrecklich oder unpassend. Auf die meditative Praxis bezogen kann dies beispielsweise bedeuten, dass ich mit einer sattvischen Geisteshaltung sogar eine störende Unruhe oder eine einschläfernde Trägheit willkommen heiße und mit Neugier betrachte.

Wenn mir diese Offenheit und Gelassenheit im geschützten Rahmen der Meditation gelingt, dann stehen die Chancen gut, dass mir Ähnliches auch in den wilden Gewässern des Lebens gelingt, sei es gegenüber bestimmten Mitmenschen oder in eigenartigen Lebensumständen. Hindernisse in der Meditation und im Alltag sehe ich dann nicht mehr als Problem, sondern als Gradmesser für meinen spirituellen Fortschritt. Denn wie heißt es so schön: „Schiffe sind im Hafen am sichersten, aber dafür sind sie nicht gebaut!“

Vertrauen

Der Buddha nennt Zweifel als das letzte von fünf Meditations-Hindernissen (Nivaranas) und Vertrauen das erste von fünf Meditations-Kräften (Indriyas). Jeder Mensch trägt ein unterschiedlich großes Päckchen an Skepsis und Vertrauen mit sich. Diese Verschiedenheit lässt sich durch Charakter, Erziehung und Erfahrungen - speziell in der Kindheit - erklären. Beide brauche ich bis zu einem gewissen Maße, um gut durch den Ozean des Lebens steuern zu können. Dabei kann permanentes Misstrauen genauso hinderlich sein, wie blinder Glaube.

Die Qualität von Bhakti und Hingabe an etwas größeres - als mein Ego und meine Vorstellungskraft - können in Krisenzeiten und bei Katastrophen eine heilsame Zuflucht und ein kraftvoller Ausgangspunkt sein. Die menschliche Geschichte, Religionen, Mythen und Märchen sind voller Beispiele, wie Glaube geistige und damit materielle Berge versetzen kann.

Nicht-Wissen

Wir im Westen werden von Kindheitstagen an so erzogen, dass eine der höchsten Tugenden im Leben Wissen ist. Je mehr ich weiß und umso gebildeter ich bin, desto mehr fühlt sich mein Ego auf festen Boden. Verstehen und Definieren sind eine wichtige Orientierungshilfe und geben Sicherheit im Leben. Allerdings geht meine Spontanität, Leichtigkeit und Lebensfreude verloren, wenn ich versuche, alles nur durch den Verstand zu begreifen. Doch meine Vorstellungen verstellen mir die Sicht auf diesen einzigartigen Lebensmoment. Die glücklichsten und erhabensten Momente spielen sich nicht im Kopf, sondern im Herzen ab.

Verwirrung im Leben und auf dem spirituellen Weg bedeutet, dass das Alte und Gewohnte keine Gültigkeit mehr haben, und das Neue und Stimmige noch nicht in der Gegenwart angekommen ist. Dieser Zustand ist kein Missgeschick, sondern gehört zu jeder natürlichen Entfaltung dazu. Manche Menschen bevorzugen es eher innerhalb der bekannten - aber unangenehmen - Grenzen zu verweilen, als den Schritt über die unsichere Schwelle in die potentielle Freiheit zu wagen.

Deswegen ist Nicht-Wissens in der östlichen Philosophie so eine wichtige und unersetzliche Qualität. Um sich einer tieferen Wahrheit zu öffnen, muss ich meinen Verstand, mein Wissen und meine Meinungen hinter mir lassen können. Erst dann werden sich mir Erfahrungen erschließen, die ich nicht vorhersehen kann; und manche davon werde ich niemals verstehen. Kann ich mich diesem undefinierten Neuem überlassen, ohne es in Worte zu fassen und ohne mich sogleich wieder in die definierbare Gewohnheit zu flüchten?

Saint Exupérys kleiner Prinz hat dieses bekannte Paradox so ausgedrückt: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

Liebe und Mut zur Wahrheit

„Wahr“ und „richtig“ sind in unserer Gesellschaft - mit ihrer dualistischen Ausdrucksweise und Beweisführung - vorbelastete Begriffe. „Wahr“ kann aber auch als Echtheit, Richtigkeit, Reinheit oder Authentizität einer Sache, einer Handlung oder einer Person verstanden werden. Diese Form von subjektiver Wahrheit hat nichts mit wissenschaftlicher und zahlenbasierter Beweisbarkeit zu tun, die manchmal in kaum überwindbaren Grabenkämpfen endet, wie wir sie in dieser Zeit zunehmend beobachten können.

Dazu schreibt Charles Eisenstein in seinem Buch „Wut Mut Liebe!“: „Innerhalb ihrer jeweiligen Medienblasen und Echokammern in den sozialen Medien wird jede Seite zunehmend überzeugter von der eigenen Tugendhaftigkeit und der Schlechtigkeit der anderen. So führen beide Seiten ein archetypisches Drama auf, Krieg genannt, und folgen der uralten Annahme, dass der Schlüssel der Lösung jedes Problems der Sieg über einen Feind sei.“ Für diese bekannte Problematik schlägt Rumi eine geniale und deeskalierende Lösung vor: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort können wir uns begegnen.“

Liebe zur Wahrheit bedeutet nicht nur mit bestem „Wissen“ sondern auch mit bestem „Gewissen“ Entscheidungen zu treffen. Es geht dabei um eine fein abgestimmte Synthese von Kopf und Herz. Habe ich tatsächlich die Neugier, Muße und Geduld herauszufinden, was überhaupt meine innere Wahrheit im Moment und in diesem Leben ist? …. Und zwar trotz - oder jenseits - all der familiären, gesellschaftlichen, traditionellen und religiösen Normen, in denen ich lebe. Habe ich den Mut, die Kraft, die Freude, die Offenheit und die Flexibilität meiner subjektiven Wahrheit einen entsprechenden Ausdruck zu verleihen? Und habe ich auch die Empathie, das Verständnis, das Mitgefühl und Interesse, die subjektive Wahrheit und Ausdrucksweise anderer Mitmenschen wahrzunehmen und ihre Einzigartigkeit zu akzeptieren?

Nisagaradatta Maharaj hat einmal gesagt: „Wenn ich erkenne, dass ich Alles bin, das ist Liebe; wenn ich erkenne, dass ich Nichts bin, das ist Weisheit. Und zwischen diesen beiden fliest mein Leben.“

PS: Das Foto habe ich in der "Licht-Höhle" in Ibiza aufgenommen, die unterirdisch mit dem Meer verbunden ist und senkrecht in den Himmel ragt.

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