Donnerstag, 14 März 2019 02:42

Warum wir den Winter in Asien verbringen

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Yogi Agonda sunset"Letztendlich geht es nicht darum, wie weit wir reisen,
sondern darum, ob jede Lebensreise uns näher an jenen Ort führt,
wo Raum und Zeit keine Rolle mehr spielen.“

Seit meinem 19. Lebensjahr habe ich keinen Winter mehr in heimischen Gefilden verbracht. Ich möchte hier ein paar Gedanken teilen, die mich jedes Jahr wie einen Zugvogel zu so einem drastischen Orts- und Klimawechsel bewegt. Insgesamt habe ich gut zwei Jahrzehnte fernab von Europa gelebt: Die meiste Zeit davon in Sri Lanka und Indien, aber auch in Amerika, Thailand, Australien und in den letzten Jahren einige Monate in Bali. 

Urlaub oder Auszeit

Wenn die Tage merklich kürzer werden und der erste Schnee fällt, dann packen meine Frau und ich unsere Reisetaschen. Dabei kommt aber in mir keinerlei Stimmung von „Urlaub“ auf. Nicht nur weil das Wort ursprünglich „Erlaubnis, sich zu entfernen“ bedeutet, und ich als Freiberufler bei niemandem diese einholen muss, sondern weil für uns die üblichen Holiday-Schlagwörter „Faulenzen, Fun, Action & Sightseeing“ keine große Bedeutung haben.

Gerade in Zeiten, in denen der Lebens- und Arbeitsstress spürbar zunimmt, ist es ein abnormaler Luxus, jedes Jahr eine mehrmonatige Arbeitspause einlegen zu können. Dabei ist meine Auszeit in fernen Ländern und fremden Kulturen mehr von spirtueller Praxis, sattvischer Kreativität, lehrreichen Erfahrungen geprägt als zu Hause ... und meine wichtigste Quelle und Inspiration für Leben, Beruf und Berufung.

Sinn des Lebens

Hätte ich mich nach meinem Schulabschluss entschlossen, etwas „Gescheites“ zu studieren und einem „ordentlichen“ Beruf nachzugehen, würde mein Leben jetzt sicherlich anders aussehen. Schon in jungen Jahren gab es in mir einen unbeschreibbaren Drang, eigenständig unbegangenes Terrain zu erkunden. Dabei war es mir wichtig dem Zweck meiner Existenz mit Leib und Seele, Schmerz und Leidenschaft und den dazugehörenden Ups & Downs zu erforschen. Damals hatte ich zum Glück den Mut und den Ehrgeiz, meine gewohnte Umgebung zu verlassen. Dadurch konnte sich mir im Laufe der Zeit die Lehren von Buddhismus, Yoga und Ayurveda in einer Tiefe erschließen, wie es mir zu Hause niemals möglich gewesen wäre. Und bis zum heutigen Tag nutze ich in der Ferne die Gelegenheit mich u.a. mit jenen drei Lebensfragen auseinander zu setzen, die in dem Buch „Das Café am Rande der Welt“ so formuliert sind:
WARUM BIST DU HIER?
HAST DU ANGST VOR DEM TOD?
FÜHRST DU EIN ERFÜLLTES LEBEN?

Ökologischer Fußabdruck

Natürlich muss ich mir immer wieder die Frage stellen, wie ich den ökologischen Fußabdruck eines solchen Reiselebens rechtfertigen kann. Und das ist sicherlich der größte Haken von Fernreisen, auch wenn Umweltprojekte wie atmosfair einen Teil innovativ kompensieren können. Eine abenteuerliche Alternative wäre auch, diese weiten Strecken über Land zurückzulegen, wie in der Doku "Weit" eindrucksvoll gezeigt wird. Und tatsächlich war auch ich bei meiner ersten Indienreise drei Wochen Tag und Nacht mit Zug und Bus unterwegs und war dabei an einer heftige Lungenentzündung erkrankt.

So wie jede Nahrung, die man nicht zu Hause anbaut und kocht, bis zu einem gewissen Grad die Umwelt belastet, so ist es mit jedem Kleidungsstück, das man nicht selber webt und näht, mit jedem elektronischen Gerät, das man verwendet, mit Strom, den man nicht off-the-grid nutzt, und mit jeder Stecke, die man weder zu Fuß noch mit dem Rad zurückgelegt. Aber neben Fleischkonsum, Autobesitz und Kinderkriegen, ist die Fliegerei zweifelsfrei eine der größten Umweltsünden, die wir als Individuen begehen können.

Nicht messbare spirituelle Werte

Für mich macht es allerdings einen wesentlichen Unterschied, mit welcher Haltung ich etwas konsumiere oder benutze: Ist es bloß aus Genuss, um einen kurzweiligen Ausgleich für einen langweiligen Alltag zu schaffen, oder um eine instagramtaugliche Reise für virtuelle „Freunde“ und „Likes“ zu machen. Oder nutze ich moderne Fortbewegungsmittel mit Dankbarkeit und Bewusstheit, um dadurch tiefer mit mir, meinem Lebenssinn und der Welt in Kontakt zu kommen. Darin sehe ich ganz besondere spirituelle und erfahrbare Werte, die mit materiellen und ökologischen Maßstäben nicht messbar sind.

Der Welt oder der Seele zugewandt

Deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn weltliche Ökofreaks und vergeistigte Esoteriker sich manchmal in die Haare kriegen. Beispielsweise könnte man sich - zum Spaß oder im Ernst - darüber streiten, wer mehr zum Wohle der Menschheit und des Planeten beiträgt: Jemand, der vegan, umweltbewusst und regionalbezogen lebt, oder ein Dalai Lama, der tausende Flugmeilen und Fleischkonsum „auf seinem Gewissen" hat. Aber trotz mancher Unterschiede haben die ökobewusste und die spirituelle Bewegung einiges gemein: die einen kultivieren Bewusstheit, Balance und Engagement in Bezug zur Welt (Pravritti), die anderen in Bezug zur Seele (Nivritti). Auch wenn die innere und äußere Welt untrennbare miteinander verbunden sind, bleibt die Frage offen: Leben wir in der Welt, oder existiert sie - wie indische Weise behaupten - bloß in uns?

Fliegende Meister

Ich finde es interessant, wenn Leute, die sich mit östlicher Spiritualität wie Yoga und Meditation intensiv auseinandersetzen, mit dem ökologischen Zeigefinger empört auf andere zeigen. Als Vivekananda 1893 und Yoganandanda 1920 indische Spiritualität in den Westen brachten, war ihr ökologischer Fußabdruck kaum der Rede wert. Doch ab den 80er Jahren hat fast jeder indische Meister, der je im Westen gelehrt hat, ein Flugzeug bestiegen. Dazu zählen Lehrer wie B.K.S. Iyengar, S.N. Goenka, Vasant Lad, Deepak Chopra oder Aadil Palkhivala.

Es gab (und gibt?) auch Gurus, wie Ramana Maharshi oder Sri Aurboindu, die durch ihre sattvische "Zero-Waste" Lebensweise ihren Bewegungsradius und ihre materielle Bedürfnisse auf ein absolutes Minimum reduzieret hatten. Paradoxerweise ziehen ihre Ashrams bis heute unzählige Menschen aus aller Welt an ... und die wenigsten sind dabei zu Füß, mit dem Fahrrad oder Ochsengespann unterwegs.

Importierte Überzeugungen und Praktiken

Seit einem halben Jahrhundert hat sich die spirituelle Suche im konsumgesättigten Westen ausgebreitet, und einige spirituelle Abenteurer hatten sich damals - noch ohne Internet und Smartphones - nach Asien aufgemacht. Bei Meistern, in Ashrams und in Tempeln lernten sie yogische und buddhistische Weisheiten und exotische Praktiken, welche im Christentum nur versteckt - wenn überhaupt - zu finden sind. Diese besonderen Erfahrungen gaben sie zu Hause weiter und lösten dabei weltweit eine nicht mehr wegzudenkende spirituelle Welle aus. Hätte keiner dieser Sucher und Lehrer ein Flugzeug bestiegen, dann wäre unsere Welt sicherlich etwas sauberer geblieben, aber unser Leben im Westen auch um einige geistige Dimensionen ärmer.

Wenn du darüber Zweifel hast, dann stelle dir folgende Frage: „Wie viel meiner Überzeugungen und Praktiken kommen ursprünglich von der Religion meiner Eltern und Vorfahren, und wie viel davon stammt aus anderen Kontinenten?“

Karma

Vielleicht werden wir eines Tages wieder mit dem Schiff in den Orient aufbrechen, so wie einst Hermann Hesse, der schon 1919 schrieb: „Ich bin seit vielen Jahren davon überzeugt, dass der europäische Geist im Niedergang steht und der Heimkehr zu seinen asiatischen Quellen bedarf. Ich habe jahrelang Buddha verehrt und indische Literatur schon seit meiner frühesten Jugend gelesen. Zu diesen Gedanken und Studien war meine indische Reise bloß eine kleine Beigabe und Illustration.“ Die eigentliche Frucht dieser Reise war für Hesse Siddhartha. Dieses Buch wurde eines meiner wichtigsten Wegweiser und öffnete mir die Tür zum buddhistischen Verständnis von Karma: Es geht letztenlich nicht um das Resultat von Handlungen, sondern um die Absicht, die dahinter steht.

PS: Das Foto zeigt einen Yogi  bei seiner Sonnenuntergangs-Meditation in Goa.

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