Samstag, 17 April 2021 18:59

Lebensbetrachtung durch drei Wirklichkeiten

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Sunset IbizaEine der höchsten Fähigkeiten, die wir als Mensch entwickeln können, ist es, folgende drei Wirklichkeiten und ihre unzähligen Facetten und Verbindungen zu erkennen und damit weise, spielerisch, demütig und durchlässig umzugehen:
1) Alltags-Realität
2) Seelische Realität
3) Absolute Realität
Diese physikalischen, intuitiven und göttlichen Welten fließen ineinander und jeder hat einen unterschiedlichen Zugang zu deren unzähligen Facetten. Dabei kann es zu Idealisierungen oder Abwertungen, zu Fixierungen oder Verdrängungen des einen oder anderen Aspekts kommen. Allerdings werden wir erst dann zufrieden und gelassen durchs Leben gehen und anderen Lebewesen empathisch begegnen können, wenn wir lernen, mit jedem dieser Bereiche entsprechend umzugehen und uns darin zu Hause fühlen.

1) Die Alltags-Realität

hat für viele Erwachsene die größte Bedeutung im Leben, und für einige ist sie sogar die einzige Wirklichkeit, die sie anerkennen. Sie beinhaltet jene „objektive Wirklichkeit“, die wir über die Sinne wahrnehmen, physikalisch messen und wissenschaftlich beweisen können.
Diese im Alltag dominierende Realität besteht aus Konventionen und Mustern, ist vergangenheitsbezogen, statisch und rational und teilt die Welt schablonenhaft in schwarz oder weiß ein. Sie ist auf vorbestimmte Ziele fixiert, liebt das Konkurrenzdenken und die Idee, dass man entweder zu den Gewinnern oder Verlierern gehört. Unsere aufgeklärte Gesellschaft ist durch diese Art der Wahrnehmung „brainwashed“ und tritt daher entsprechend arrogant gegenüber Individuen und Völkern auf, die andere Werte und Prioritäten haben.

Die Begrenzung

dieser Realität besteht darin, dass wir auf der materiellen, linearen Oberfläche des Lebens phantasielos stecken bleiben und unser lebendiges Potential nicht ausschöpfen. Die Angst vor dem unberechenbaren Leben und vor dem sicheren Tod wird uns zum ständigen Begleiter und kann uns in einen Teufelskreis der Sinnlosigkeit hineinziehen.

Das Positive

der Alltagsrealität besteht darin, dass erst durch sie unsere komplexe und komplizierte Welt funktionieren kann. Sie gibt uns Struktur im Leben und einen festen Boden unter den Füßen. Da wir von Luft, Liebe und in Traumschlössern nicht leben können, bildet sie eine Basis und eine nachvollziehbare Orientierung im Leben, was gerade bei psychisch labilen, sehr jungen und alten Menschen wichtig ist. Aberglaube, religiöser Wahnsinn und esoterischer Schwachsinn werden dadurch hinterfragt. Erst seitdem sich dieser wissenschaftliche Fortschritt auf alle Lebensbereiche und über den ganzen Planeten ausgebreitet hatte, konnte Armut, Krankheiten und Todesursachen reduziert und Lebenserwartung und Wohlstand erhöht werden.

Im modernen Yogaverständnis

wird dieser sichtbare und definierbare Aspekt durch die Asana-Praxis abgedeckt. Dabei kann es allerdings passieren, dass die Form einer Asana wichtiger als ihre Funktion ist und körperlicher Workout, ehrgeiziges Positionieren und Konkurrenzdenken wichtiger als die spirituelle Essenz des Yoga sind.

2) Die seelische Realität

wird einem am besten dann bewusst, wenn man Kinder, Künstler oder Tiere beobachtet. Dabei geht es um Werte und Qualitäten, die auf physikalischer Ebene nicht wirklich messbar oder definierbar sind, aber umso mehr unser Herz berühren. Im Gegensatz zur Alltagsrealität, die sich in erster Linie im Kopf und daher in Illusion von Vergangenheit und Zukunft abspielt, geht es hier um das gegenwärtige und sinnliche Erleben, um Kunst und Ästhetik. Das Konzept von angstbehaftetem Haben tritt in den Hintergrund und die Qualität des lebendigen Seins in den Vordergrund.

Sinnfindung

Der Jesuit Prof. Dr. Michael Bordt sagt: „Der Königsweg zur Selbstfindung führt immer über die Emotionen. Denn die Gefühle zeigen uns an, was uns wirklich wichtig ist, gewissermaßen: wofür unser Herz schlägt. Daher ist es essentiell, Licht ins Dunkel des eigenen Innenlebens zu bringen: Für was will ich einstehen? Was liebe ich? Wo entwickle ich Energie? Wobei spüre ich, dass ich wach werde?“

Die Gefahr

der seelischen Realität besteht darin, dass wir uns in Traum- und Phantasiewelten so sehr verlieren, dass wir unseren physischen Körper und die materielle Welt nicht mehr ausreichend wahrnehmen. Das Suchtpotential von Drogen, Computerspielen oder virtuellen Welten ist gerade für jene Menschen sehr groß, die mit der Alltagsrealität nicht mehr zurechtkommen. Auf vielleicht harmloserer Weise kann eine Alltagsflucht aber auch beim exzessiven Fernsehen, Socialmedia-Konsum, Bücherlesen und beim Sport passieren, oder sogar in Kirchen und Tempeln. Wenn man außerdem, wie ein junger Hund, seiner Lust und Laune unkontrolliert folgt, dann wird das Leben unruhig und getrieben.

Politik, Wirtschaft und Umwelt

Jene empathischen und weisen Politiker wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela, die mit Leidenschaft und Konsequenz ihrem Herzen folgten, waren fähig, langfristige positive Veränderungen für die Menschheit zu erreichen. Nach dem Motto des Ökonomen E.F. Schuhmacher „small is beautiful“, bezieht sich ein „herzliches Wirtschaftssystem“ auf den Menschen, die Tiere, die Pflanzen und die Erde in einer verantwortlichen, ganzheitlichen und heilsamen Art und Weise. Gerade wenn alternativloses und enges Denken zunimmt, entsteht dazu immer eine alternative, ganzheitlich und altruistische Gegenbewegung.

Im Yoga

und in anderen spirituellen Traditionen können wir diese seelische Realität nutzen, um uns selber wieder unvoreingenommen zu begegnen, um uns unserer Licht- und Schattenseite bewusster zu werden. Diese Verbundenheit bedingt, dass wir anderen Lebewesen ebenfalls Mitgefühl entgegenbringen. Äußere Formen und Rituale, Lehrer, Tradition und philosophisches Wissen, die am Anfang eines spirituellen Weges vielleicht wichtig sind, werden unwichtiger und die persönliche Erfahrung gewinnt an Bedeutung.

3) Die absolute Realität

ist von all diesen Betrachtungen am wenigsten beschreibbar und über die Sinne erfahrbar. Die darin enthaltene Bedingungslosigkeit, Zeitlosigkeit, Formlosigkeit und Grenzenlosigkeit ist jenseits von physikalischen und menschlichen Eigenschaften und steht als Synonym für das Göttliche. Es heißt zwar in vielen yogischen und esoterischen Texten, dass diese Qualität in jedem von uns immanent ist, aber sie ist nicht jedem jederzeit zugänglich. Dieser höchste Bewusstseinszustand manifestiert eine Liebe (Metta), die weder bedingt noch begrenzt ist und einen Gleichmut (Upekkha), der nicht von den acht menschlichen Naturgesetzten (attha loka dhamma) erschüttert wird: Glück, Unglück, Gewinn, Verlust, Verehrung, Verachtung, Erfolg und Misserfolg.

Bewusstseins-Zustände

Die Alltags-Realität ist am ehesten dem Zustand des Wachbewusstsein und dessen physikalischen Gesetzmäßigkeiten vergleichbar; die seelische Realität mit dem Traum-Bewusstsein, in dem sich die alltäglichen Gesetze von Raum und Zeit aufheben. Die absolute Realität gleicht dem Tiefschlaf, in dem sich Persönlichkeit und Welt völlig auflösen.

Einem unermesslichem Ozean

gleicht die absolute Realität des Selbst (atman). „Der Ich-Gedanke ist eine Blase darauf und wird Individuum (jiva) genannt. Die Blase ist ebenfalls Wasser. Wenn sie zerplatzt, dann vermischt sie sich mit dem Ozean. Wenn sie eine Blase bleibt, ist sie weiterhin Teil des Ozeans. [… ] Das Selbst ist nur eins. Wenn limitiert ist es das Ego, wenn unlimitiert, dann ist es die (absolute) Realität. Die Blasen sind zahlreich und unterscheiden sich voneinander, aber es gibt nur einen Ozean. Ebenso gibt es viele Egos, aber das Selbst ist nur ein einziges.“ Ramana Maharshi

Die Gefahr,

wenn man solche Erfahrungen gemacht hat oder danach strebt, ist, dass man überheblich wird. Gurus und spirituelle Sucher haben manchmal eine abwertende Einstellung gegenüber den zwei anderen „profanen“ Realitäten. Denn in deren erhabenen Weltbild sind diese zwei Lebensweisen von menschlichen Schwächen und weltlichen Nebensächlichkeiten durchdrungen. Diese Thematik behandelt Jack Kornfield in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“.

Yoga

kann man in vier Bereiche unterteilen: Der körperliche Aspekt der Asanas hat mit der Alltagsrealität zu tun. Pranayama und jene Formen der Meditation, die beruhigend wirken (Samatha), sind auf der seelischen Ebene spürbar. Einsichtsmeditation (Vipassana), transpersonale und göttliche Phänomene werden der absoluten Realität zugeordnet.

„Erst wenn wir alle drei Welten kennen und uns frei darin bewegen, können wir unser volles Potential als Mensch entfalten.“ Richard Stiegler

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