Wie oft bin ich schon gefragt worden, warum ich mit 21 Jahren Novize im Kloster wurde, wie mein Leben als buddhistischer Mönch  war und was mich dazu bewegte, nach 12 Jahren die Robe wieder abzulegen. Beim Niederschreiben dieser Erinnerungen – die mir wie aus einem anderen Leben vorkommen – wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr sich meine Lebensziele im Laufe der Zeit verändert haben; wie diese Vergangenheit eher einem unfassbaren Traum, als einer greifbaren Realität gleicht und wie dabei meine Ent-Täuschung die Grundlage für meine spirituelle Ent-Faltung war. Wahrheitssuche, Geduld, Mut und unglaubliches Vertrauen waren damals jene notwendigen Eigenschaften für mein Leben als buddhistischer Mönch.

Aufbruch in die Fremde

Als ich den Entschluss gefasst hatte, Mönch zu werden, regelte ich meine wenigen weltlichen Angelegenheiten, und mit der Überzeugung, dass ich nie mehr in meine Heimat zurückkehren würde, bestieg ich an einem Novembertag 1991 den Zug nach Istanbul. Ein unvorstellbares Abenteuer lag vor mir, denn es gab weder Handys, Mails und Internet, noch kannte ich jemanden, der je im Fernen Osten gewesen war, geschweige denn sich dazu über Land auf den Weg gemacht hatte. Dennoch war ich von meiner Mission felsenfest überzeugt. Über die Türkei, den Iran und Pakistan ging es über Land bis nach Indien, wo ich kurz dem Erleuchtungsbaum in Bodhagaya meinen Respekt erwies. Von Kalkutta nahm ich den nächsten Flieger nach Bangkok, um schließlich zu dem ersehnten Waldkloster in Nordost-Thailand zu kommen.

Ordination

Nach einem Monat wurde mir empfohlen, mich in Wat Bowonnivet, dem Hauptkloster im Bangkok, auf die Novizen-Ordination vorzubereiten. Neben einem Thai-Sprachkurs studierte ich weiterhin die klassischen Texte von Dhamma (buddhistische Lehre) und Vinaya (Mönchsdisziplin); allerdings meist in Eigeninitiative, denn ich hatte dort kaum Kontakt zu englischkundigen Mönchen oder buddhistischen Lehrern. Nach meiner Ordination zum Samanera (d.h. „kleiner Asket“ oder Novize) im Alter von 23 Jahren wurde ich angewiesen, in ein weiteres Waldkloster zu reisen, das sich im Nordosten Thailands befand und wegen seinem ebenfalls erleuchteten und strengen Ajahn berühmt-berüchtigt war. Dort erhielt ich ein Jahr später als einziger Westler meine Ordination zum Bhikkhu, was wörtlich Bettelmönch bedeutet.

Notwendigkeiten für das Leben als buddhistischer Mönch

Eigentlich gibt es für einen Theravada-Mönch nur vier Notwendigkeiten für seinen entsagenden Lebenswandel: Gewand, Essen, Unterkunft und Medizin. Zu den wenigen Halbseligkeiten gehören neben Gürtel, Rasierer, Almosenschale und Nähzeug auch die Mönchsrobe, die je nach Region und Orden bräunlich, weinrot oder orange gefärbt ist. Da der Aufenthaltsort eines Mönches nicht unbedingt ein Kloster sein muss, verbrachte ich in späteren Jahren viel Zeit in entlegenen Waldhütten, Höhlen oder unter Bäumen. In Thailand ist es heute noch Tradition, beim morgendlichen Pindapada (Almosengang) Dana (Essensgaben) entgegen zu nehmen, die allerdings vor Sonnenhöchststand gegessen werden müssen. Da fromme Buddhisten Mönchen immer nur das Kostbarste offerieren, gab es als Mahlzeit manchmal auch gekochte Käfer, kleine Frösche oder große Ameisen.

Die große Ent-Täuschung über den großen Meister

Obwohl ich lange Zeit mit frommer Ernsthaftigkeit versucht hatte, mich diesem Waldklosterleben hinzugeben, konnte ich wenig innere Transformation feststellen. Und als mein Glaube an die Übermenschlichkeit des Ajahns sich zunehmend in Skepsis verwandelte, wurde mir klar, dass ich nicht mehr am richtigen Platz war. Nach zweieinhalb Jahren kehrte ich zwar frustriert nach Bangkok zurück, aber die Überzeugung an meine mönchische Berufung und meiner spirituellen Weiterentwicklung war nach wie vor ungebrochen. Von Thailand ging meine Mönchs-Reise weiter nach Sri Lanka.

Almosen & Totenschädel

Eine der größten Herausforderungen als heimatloser Bettelmönch ist das Sammeln von Almosenspeise, denn diese Form der Askese wird in Sri Lanka kaum noch praktiziert. Das Essen war oft mit so viel Chili gewürzt, dass ich schließlich wegen Gastritis in ein Krankenhaus in Colombo eingeliefert werden musste. Wie schon früher in Bangkok, nutzte ich diese Gelegenheit, bei Obduktionen die wahre Natur des menschlichen Körpers hautnah mitzuerleben. Übrigens ist das für Mönche eine von dem Buddha empfohlene Praxis, speziell dann, wenn lustvolle Gedanken am Fundament des Zölibats rütteln. Durch den guten Kontakt mit dem Personal war es mir sogar einmal möglich, einen Totenschädel heimlich mitzunehmen. Damit konnte ich auch an meinem abgelegenen Waldplatz Marananusati von Angesicht zu Angesicht praktizieren, also jene vom Buddha empfohlene Meditation über Vergänglichkeit und Tod.

Abenteuerliche Urwaldaufenthalt

Später versuchte ich in unbekannter Wildnis der Bändigung meines Geistes zu widmen: in abgelegenen Waldhütten oder Höhlen, unter Bäumen oder freiem Himmel, ganz alleine oder in der Nachbarschaft von Affen, Elefanten, Schlangen, Bären oder Krokodilen. Bäche und Tümpel waren meine Waschplätze, Gebüsche meine Toilette. Um zu überleben, musste ich manchmal das einzige Wasserloch mit anderen Tieren teilen oder meinen Urin trinken; was übrigens – so fand ich später heraus – auch eine geniale alternativmedizinische Behandlungsmethode ist.

„In jeder asketischen Moral betet der Mensch einen Teil von sich als Gott an
und hat dazu nötig, den übrigen Teil zu diabolisieren.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Giftschlangen & Elefanten

Dass das Leben eigentlich immer lebensgefährlich ist, wird einem in der Wildnis oft deutlicher vor Augen geführt als in der Zivilisation. Als ich einmal in der Dämmerung in einer abgelegenen Höhle mein Schlaflager aus Laub herrichten wollte, sprang ich blitzschnell zur Seite, denn eine Viper hatte dieselbe Idee gehabt. Da es aber im Leben eines Mönches nicht um Bequemlichkeit und Sicherheit geht, sondern darum, Leidensursachen und Ängste zu transzendieren, beschloss ich, trotzdem zu bleiben – denn wo könnte ich besser über das Damoklesschwert des Todes meditieren als hier? Sri Lanka hat immerhin die weltweit höchste Sterberate durch Giftschlangenbissen…

Im trockenen Südosten der Insel war es mir möglich, in der freien Natur unter Bäumen zu leben, wobei ich mich immer wieder mit einer Affenbande um die besten Schattenplätze streiten musste. Als eines Nachts unerwartet ein heftiger Monsun aufzog, machte ich mich auf, den Unterschlupf in einem Stall zu suchen. Dabei war das Krachen von knickenden Bäumen nicht zu überhören. Mit viel Vorsicht und Herzklopfen machte ich einen weiten Umweg, denn ich hatte keine Lust auf eine nächtliche Begegnung mit einer Elefantenherde.

Schreiben & Sozialprojekte

Diese ungebundene Lebensweise reduzierte sich, als ich zwei Visionen in die Tat umsetzte: ich begann meine mönchischen Erfahrungen niederzuschreiben und zu publizieren; daraus entstand später das Buch „Wie ein Fremder im Paradies“. Und ich startete soziale Projekte, Mit den Jahren und mit der Erfahrung wurde mir aber klar, dass Tanha (Begehren) – die Ursache von allem Dukkha (Leiden) – sich bei mir nicht so einfach entwurzeln ließ. Anstatt aber in eine mönchische Lebenskrise zu rutschen, begann ich auf meine unkonventionelle Art, Meditation und buddhistische Lebensweisheiten in Schulen und in Gefängnissen weiterzugeben. Dabei war das meditative Zusammenkommen mit Schwerverbrechern im Hochsicherheitstrakt, der einem mittelalterlicher Kerker glich, eines meiner sozialen „Highlights“.

Yoga und eine neue Lebensperspektive

Der Zufall wollte es, dass eine australische Yogalehrerin von meinem Gefängnisprojekt erfuhr. Da sie Häftlingen Yoga unterrichten wollte, nahm sie mit mir Kontakt auf. Daraus entfaltete sich nicht nur eine transformierende, spirituelle Freundschaft, sondern auch eine Leidenschaft zum Yoga und zur Asanapraxis. Da im ursprünglichen Buddhismus weder sportliche Aktivitäten, noch Yoga für Mönche empfohlen wird, sehnte sich mein Körper und Geist nach dieser Praxiserweiterung. Zusätzlich erschien mir die yogische Sangha um vieles offener, kritischer und humorvoller, als die buddhistische Gemeinschaft, in der ich mich zunehmend fremd und mit meinen menschlichen Bedürfnissen und Nöten nicht verstanden fühlte.

Transformation

Das Mönchsleben ließ mir viel Zeit für die Asanapraxis und dabei zeigten sich nicht nur körperliche Fortschritte, sondern es machte auch jene Sexualenergie auf sich aufmerksam, die ich bis dahin mehr oder weniger effektiv verdrängen oder kompensieren konnte. Wie der Apfel vom Baum fällt, so wurde mir eines Tages eindeutig klar, dass für mich Yoga und ein weltliches Leben mehr Raum für meine individuelle Entfaltung bieten als das Mönchsdasein und der Buddhismus.

Neue Perspektiven nach dem Leben als buddhistischer Mönch

Im Frühling 2004 legte ich schließlich nach zwölf Jahren mit Wertschätzung und ohne Reue die Robe ab. Daraufhin absolvierte ich meine Yogalehrerausbildung in Australien, hielt meine ersten Workshops in Europa, unterrichtete in einem Ayurvedazentrum in Sri Lanka und lernte dort meine Frau Daniela kennen. Der Beruf und die Berufung Yoga zu lehren haben sich bis zum heutigen Tag nicht geändert… und auch die Sehnsucht ist geblieben, die kalte Jahreszeit in wärmere Gefilde zu verbringen.

Letztendlich hat mein Leben als buddhistischer Mönch nicht nur meine geistige Entwicklung bereichert, sondern auch meinen Überlebensinstinkt, mein Vertrauen, mein Selbstbewusstsein und meine Einstellung zu einem offenen und kritischen Freigeist.

Was andere über mein Wirken sagen:

„Herzlichen Dank für Deine Leichtigkeit mit der du komplexe Themen vermittelst! Diese Leichtigkeit zeigt eine vorausgegangene tiefgehende Auseinandersetzung mit der Materie.“
Johanna L.

Annette G.

Weitere Blogbeiträge

Diese Dokumentation wurde von der Journalistin Marion Mayer-Hohdahl für ARD-Alpha gedreht. Dabei geht es um meine Tsunami-Hilfsprojekte und über mein früheres Leben als buddhistischer Mönch in Sri Lanka.