„Wir sind da, um die Fortschritte der anderen zu ermöglichen, nicht um sie festzuhalten.
Und wir können nur das lehren, was wir auch selbst bereit sind zu lernen.“
Paul Ferrini, „Unterwegs nach Nirgendwo“, Aurum Verlag,
In diesem Text teile ich einige Einsichten aus über 20 Jahren als freiberuflicher Yoga- und Meditationslehrer. Wenn du selbst unterrichtest – oder darüber nachdenkst, deine Berufung zur beruflichen Grundlage zu machen – können dir diese sechs Punkte helfen, deinen Weg authentisch, frei und zugleich realistisch zu gestalten.
1. Beruf, Berufung – und Realität
Kein Mensch kann von Luft und Liebe leben, und nur wenige werden in eine so reiche Familie geboren, dass Geldverdienen kein Thema ist. Eine der großen Lebensfragen ist, womit und auf welche Art wir unseren Lebensunterhalt verdienen wollen und können.
Viele junge Menschen träumen davon, selbstständig zu sein oder ihre Berufung zum Beruf zu machen. Die Realität und unsichere Zeiten führen jedoch oft dazu, dass man sich für einen sicheren Job entscheidet und das Herzensprojekt höchstens nebenbei ausübt. Irgendwann stellt sich die Frage: Was ist mir wichtiger – Sicherheit oder Freiheit? Beides lässt sich selten vollständig vereinbaren.
Im Yogabereich zeigt sich das deutlich: Von schätzungsweise 10.000–15.000 Yogalehrenden, die regelmäßig in Deutschland unterrichten, tun dies nur etwa 2.000–3.000 hauptberuflich.
2. Authentisch sein statt Meister spielen
Sobald wir in die Lehrerrolle schlüpfen, besteht die Gefahr, dass wir uns verstellen und jemand Besonderes sein wollen. Wenn wir es schaffen, diese künstlichen Masken abzulegen – und damit auch unsere überhöhten Ansprüche an uns und unseren Unterricht – sind wir entspannter und angstfreier.
In dieser natürlichen Haltung können wir nicht nur erlerntes Wissen weitergeben, sondern auch tiefere, empathische Weisheiten, die spontan durch uns hindurchfließen. Wenn wir kein Ideal mehr erfüllen müssen, dürfen wir uns Fehler erlauben – und sie werden lebendig und lehrreich in den Unterricht einfließen, denn nichts im Leben ist perfekt.
Spiritualität unterscheidet sich von Religion darin, dass wir uns von Abhängigkeiten und „Ismen“ lösen, um zu einer selbstbewussten Freiheit und Zufriedenheit zu gelangen. Die Aufgabe eines spirituellen Lehrers besteht darin, diese Entfaltung zu inspirieren – nicht Abhängigkeit zu fördern.
„Fördere nicht die Abhängigkeit von anderen. Wenn du Hilfe angeboten hast und sie empfangen wurde, feiere diesen Moment und lass den Menschen frei. Wenn der Schüler zurückkehrt und mehr Anweisungen will, dann weißt du, dass eine Abhängigkeit vorliegt. Bestärke sie nicht, selbst wenn du davon finanziell profitierst.“ (Paul Ferrini, S. 40)
3. Lehre, was du selbst lernen willst
Nach diesem Motto unterrichte ich vor allem das, was mir selbst auf meinem spirituellen Weg wichtig war und ist. Ich bin immer wieder für einige Jahre in unterschiedliche Traditionen eingetaucht, bin nach einiger Zeit jedoch meinen eigenen Impulsen gefolgt – beschenkt mit Erfahrungen, aber froh und frei, mein Leben und meinen Unterricht mit weniger Prinzipien, Konzepten und „Ismen“ zu gestalten.
Dieser Weg hilft, authentisch zu bleiben: Wenn ich das lehre, was ich selbst übe und erforsche, bleibe ich innerlich verbunden, statt eine Rolle zu spielen.
4. Finde deine Nische – und bleib flexibel
Seit ich angefangen habe zu unterrichten, ist das Yoga-Business explodiert. Bis zu den Covid-Maßnahmen schienen Yogalehrer-Ausbildungen wie Schwammerl aus dem Boden zu schießen. In einem so gesättigten Markt ist es essenziell, etwas Eigenes anzubieten, das die eigenen Fähigkeiten integriert und sich vom Üblichen abhebt.
Mein Steckenpferd ist die Verbindung von ganzheitlichem Yoga mit alltagsbezogener Spiritualität und Meditation. Statt weiterer Yogalehrer-Ausbildungen biete ich ein Intensiv-Training an, das eigenständige Praxis und Selbsterkenntnis in den Vordergrund stellt.
Während der Corona-Zeit waren Flexibilität und Kreativität entscheidend. Ich habe meinen Unterricht in den virtuellen Raum verlegt, die Lockdowns im mediterranen Ambiente verbracht und Teilnehmer erreicht, die sonst nie in meinen Präsenzunterricht gekommen wären. So wurde eine Krise zu einer Erweiterung meiner Freiräume und Einkommensmöglichkeiten.
„Wandel vollzieht sich immer mit unserem tiefsten Segen. Egal wie viel wir über unser Schicksal jammern und klagen, wir können uns sicher sein, dass unsere Seele die Erlaubnis gab. Denn die Seele ist mit Wachstum beschäftigt. Und Wachstum bedeutet immer die Aufgabe einer einschränkenden Form für eine, die mehr Platz in sich birgt.“ (Paul Ferrini, S. 106)
5. Energie- und Zeit-Management statt Burnout
Eine große Gefahr für Selbstständige ist, sich so leidenschaftlich mit Beruf und Vision zu identifizieren, dass sie „selbst“ und „ständig“ am Werken sind. Wer psychosomatische Warnsignale ignoriert, kann leicht in ein Burnout rutschen.
Eine stimmige Work-Life-Integration, Quality-Balance, ausreichend Entspannung und Schlaf sind für jene essenziell, die Gesundheit und Balance vermitteln wollen. Denn jene Energie, die ich in den Unterricht mitbringe, gebe ich auch weiter – bewusst oder unbewusst.
Wenn das Einkommen durch Unterrichten nicht mehr ausreicht, ist „noch mehr Stunden geben“ oft keine Lösung. Manchmal braucht es den Mut zu alternativen Einkommenswegen oder zu einer beruflichen Veränderung. Ich kenne einige Yogalehrende, die ihre Selbstständigkeit aufgeben mussten, und habe großen Respekt vor jenen, die diese Veränderung bewusst vollzogen haben.
Um nicht nur zu überleben, sondern gut leben zu können, braucht es einen stimmigen Energieausgleich. Wenn der fehlt, sage ich lieber eine Veranstaltung ab und gönne mir eine Auszeit, die zumindest meiner Seele gut tut.
6. Integrität, Bescheidenheit und „Anfänger-Geist“
Warum ich nach all den Jahren noch liebe, was ich tue? Ich achte darauf, nicht im Hamsterrad „selbst und ständig“ zu laufen, sondern möglichst frei-beruflich unterwegs zu sein. Profit und Ansehen sind nicht meine wichtigsten Verbündeten, sondern Intuition und Integrität.
Es braucht Achtsamkeit und Mut, die innere Stimme und das eigene Dharma höher zu achten als die Meinung anderer Menschen.
„Ich will wissen, ob du jemanden enttäuschen kannst, um dir selbst treu zu sein. Ob du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst und nicht deine eigene Seele verrätst.“ (Oriah Mountain Dreamer, „Die Einladung“, Goldmann-Verlag)
Demut und Bescheidenheit sind für mich zentrale Eigenschaften eines spirituellen Lehrers. Letztendlich zählt, wie ich mich fühle, wenn ich von der Bühne abtrete und wieder unter Menschen bin, die mich weder als Meister noch als Vorbild sehen.
Egal, wie viele Bücher ich gelesen oder wie viele Seminare ich besucht habe: Wenn ich den „Anfänger-Geist“ nicht integriert habe, wird mein Unterricht eher aus der Vergangenheit als aus der lebendigen Gegenwart gespeist.
„Einbildung und geistiger Stolz stehen der Erkenntnis und unserem Erwachen im Weg. […] Die Fähigkeit ‚Ich weiß es nicht‘ sagen zu können, ohne sich unwürdig zu fühlen, ist ein Zeichen geistiger Reife. Wenn wir ‚Ich weiß es nicht‘ sagen, dann lösen wir unsere Bindung von dem, was wir wissen. Und wenn wir diese Bindung auflösen, wird das, was wir wissen, entweder im Stillen bestätigt oder sachte korrigiert.“ (Paul Ferrini, S. 99)
Ich plane weiterhin, spirituelle Veranstaltungen auf meine persönliche und begrenzte Weise anzubieten, ohne beim modernen Rennen des Sich-Vermarktens mitzumachen. Nach der Mitte des Lebens spüre ich deutlicher die Vergänglichkeit – und den Ruf, mehr Raum jenen Aspekten zu geben, die nichts mit Leistungsdenken und beruflichen Verpflichtungen zu tun haben.
Mein Schicksal ist mir derzeit so günstig gestimmt, dass ich mir den Luxus längerer Auszeiten leisten kann. Daher folge ich auf entspanntere und gelassenere Weise meinem freiberuflichen Motto: „Be what you are – give what you have!“




