„Erst wenn man seine Lebensgeschichte mit allen daran geknüpften Hoffnungen und Ängsten loslässt, und allen vergangenen Kummer, kann der Geist zur Ruhe kommen und das Herz sich öffnen.“
Jack Kornfieled
Eine wichtige Erkenntnis, um sich im Leben und in der Spiritualität zu entfalten, liegt nicht darin, dass wir uns ständig neue Praktiken und neues Wissen aneignen. Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, dann sind da zahlreiche Bücher, Seminare, Aufzeichnungen und Begegnungen, die gekommen und auch wieder gegangen sind – ohne eine nachhaltige Spur zu hinterlassen. Was eine viel wichtigere Grundlage für echte Transformation sein kann, ist das Loslassen von Dingen, Emotionen und Gewohnheiten, die keine Bereicherung für unser jetziges Leben – und damit für unsere Zukunft – darstellen.
Einige der folgenden Inspirationen stammen aus dem YouTube-Video „4 Dinge, die nach dem 60. Lebensjahr keinen Sinn mehr ergeben“. Sie haben mich besonders berührt, weil ich – bewusst oder unbewusst – vieles davon im Laufe meines Lebens erfahren und loslassen durfte. Das Entscheidende dabei ist: Es braucht dafür keine besonderen Voraussetzungen. Wir müssen nicht auf den richtigen Zeitpunkt warten, nichts Bestimmtes studiert haben und keiner bestimmten spirituellen Tradition folgen. Was es allerdings braucht, ist Liebe und Mut zur eigenen Wahrheit. Denn nur wir selbst können spüren, was unsere Seele wirklich braucht – oder was ihr nicht mehr dient.
Dazu passend sagte der grönländische Schamane Angaangaq: „Die Menschen suchen etwas, das für sie von Bedeutung ist. Viele suchen jedoch weit weg. Dabei ist das Wichtigste sehr nah: Zu sich heimkommen. Viele glauben, sie sind es nicht wert, dass man zu ihnen Heim findet. Sie finden nichts Faszinierendes in sich und wollen ihren eigenen Weg nicht zu Ende gehen: Er ist vielleicht zu langweilig, zu schwierig, zu lang, zu steil. […] Aber du sollst deinen persönlichen Weg bis zum Ende gehen. Denn nur dann wirst du bei dir ankommen.“
Nicht nur bei stark konsumorientierten Menschen herrscht die Illusion, dass Loslassen und Reduzieren mit Verlust und Leid verbunden sind. Auch spirituell orientierten Menschen fällt es oft schwer, veraltete Ansichten, Gewohnheiten oder Praktiken loszulassen. Doch gerade diese mentale Entrümpelung kann eine wesentliche Grundlage für persönliche Entfaltung sein. Ich möchte mich hier auf fünf Eigenschaften beschränken, die am spirituellen Weg loszulassen sind – auch wenn diese Aufzählung nicht vollständig ist:
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Aufgeben von materieller Anhäufung
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Loslassen von Groll
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Sich vom Perfektionismus verabschieden
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Sein Leben nicht nach den Erwartungen anderer ausrichten
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Nichts tun, um anderen zu gefallen
Aufgeben von materieller Anhäufung
Durch die menschliche Identifikation mit Dingen ist es ganz natürlich, dass beim Entrümpeln auch Emotionen in Bewegung kommen. Wie ich kürzlich bei einer Aufräumaktion am Dachboden meines Elternhauses erleben durfte, wird deutlich, wie unterschiedlich das Loslassen empfunden wird. Was für den einen Befreiung ist, kann für den anderen mit Wehmut verbunden sein, denn in solchen Räumen spiegeln sich oft Lebensgeschichten und emotionale Energien über Generationen hinweg.
Karen Kingston beschreibt in ihrem Buch „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ (Rowohlt Taschenbuch, 2014), dass Gerümpel nicht nur sichtbare Dinge umfasst, sondern auch unerledigte Aufgaben, offene Themen oder belastende Beziehungen. All das blockiert den natürlichen Energiefluss (Chi) im Wohnraum und im Leben allgemein. Durch bewusstes Ausmisten entsteht nicht nur Ordnung im Außen, sondern auch mehr Klarheit, Leichtigkeit und Lebensenergie im Inneren.
Loslassen von Groll
Groll ist ein langanhaltender, oft verborgener Zorn – eine Emotion, die wie eine Glut unter der Oberfläche weiterbrennen kann und bei kleinen Anlässen plötzlich aufflammt. Wenn wir solche Reaktionen bei uns selbst beobachten, kann das ein wertvoller Hinweis sein. Folgen wir dieser Spur achtsam, freundlich und geduldig, können wir die tieferliegenden Ursachen erkennen und auflösen.
Wenn uns Groll von anderen begegnet, hilft es, ihn nicht zu persönlich zu nehmen, denn er sagt oft mehr über das Innenleben des anderen aus als über uns selbst. Solche Situationen können sogar ein aufschlussreicher „Crashtest“ sein, der uns zeigt, wie stabil unsere eigene innere Gelassenheit bereits ist.
Giannina Wedde schreibt in ihrem Gedicht „Raum des Lebens“ („In deiner Weite lass mich Atem holen“, S. 177, Vier-Türme-Verlag):
„Jeder Raum braucht die Weite der Vergebung, um ein Raum des Lebens zu sein.“
Vergebung befreit – nicht, weil etwas gutgeheißen wird, sondern weil wir uns aus inneren Verstrickungen lösen.
Sich vom Perfektionismus verabschieden
Es hat bei mir viele Jahre und einige leidvolle Umwege gebraucht, bis mir bewusst wurde, dass Perfektion am spirituellen Weg nicht ein Ziel, sondern oft eine Falle ist. Der Anspruch, alles „richtig“ zu machen, führt häufig zu Druck, Enge und innerer Erstarrung. Manche spirituelle Systeme verstärken das sogar durch starre Ideale und implizite Erwartungen.
Doch was würde passieren, wenn wir unseren eigenen, intuitiven Weg gehen würden – jenseits von festen Vorstellungen und Normen? Vielleicht liegt genau darin eine tiefere Form von Freiheit. Es ist wohl kein Zufall, dass ich mich nach vielen Jahren in strengeren spirituellen Traditionen zunehmend zum Taoismus hingezogen fühle.
„Flexibilität statt starrer Ideale: Der Taoismus lehnt starre Strukturen, feste Dogmen und rigide moralische Pflichten ab. Er betont, dass man sich dem Lauf der Zeit und den natürlichen Veränderungen anpassen soll. Die weichste und flexibelste Kraft überwindet das Harte und Starre.“ („Der chinesische Taoismus“ von Klaus Reitberger, 2006)
Sein Leben nicht nach den Erwartungen anderer ausrichten
Viele unserer Anpassungsmuster entstehen früh – geprägt durch Erziehung und gesellschaftliche Strukturen. So lernen wir, Erwartungen zu erfüllen, statt unserer inneren Stimme zu folgen. Ein bewusster Lebensweg beginnt dort, wo wir wieder lernen, unsere Intuition wahrzunehmen und ihr zu vertrauen.
Das bedeutet nicht, alle äußeren Verpflichtungen zu ignorieren. Es braucht auch Ausgleich und gesunde Kompromisse im Alltag. Doch ohne innere Ehrlichkeit verlieren wir leicht die Verbindung zu uns selbst. Oriah Mountain Dreamer schreibt in „Die Einladung“ (Goldmann Arkana, 2000):
„Ich will wissen, ob du jemanden enttäuschen kannst, um dir selbst treu zu sein.“
Nichts tun, um anderen zu gefallen
Gerade in Zeiten sozialer Medien wird sichtbar, wie stark das Bedürfnis nach Anerkennung unser Verhalten beeinflusst. Es entsteht leicht der Eindruck, dass Erlebnisse nicht mehr um ihrer selbst willen stattfinden, sondern, um gesehen und bestätigt zu werden. Auch in der spirituellen Szene ist diese Tendenz spürbar, wenn Praxis zur Selbstdarstellung wird.
Abdi Assadi beschreibt in seinem Buch „Schatten auf dem Pfad“ (Kamphausen, 2011) treffend, dass Yoga in unserer leistungsorientierten und narzisstisch geprägten Kultur oft missverstanden wird – nicht als Weg der Befreiung, sondern als Mittel zur Selbstoptimierung. Dabei liegt seine ursprüngliche Aufgabe darin, den Knoten des Egos zu lösen und nicht, ihn weiter zu stärken.
Conclusio
Wenn es uns gelingt, zumindest einige dieser zutiefst menschlichen Muster bewusst zu erkennen und allmählich loszulassen, dann kommen wir einem zufriedenen und wahrhaftigen Leben näher – ganz ohne äußeren Druck, Erwartungen oder festgelegte Ziele.
