„Das Weiche überwindet das Harte, das Schwache besiegt das Starke. Wasser dringt auch in Stein.
Niemand kann das leugnen, doch niemand handelt danach.“

— Laozi, Dao De Jing

Als ich mit 21 Jahren Österreich verließ und nach Asien aufbrach, wollte ich mit meinem bisherigen Leben brechen. Nach mehr als drei Jahrzehnten kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen, warum ich damals einen so harten, asketischen Weg wählte. Vielleicht kam ich mit der westlichen Welt nicht zurecht. Vielleicht hatte ich die Illusion, der Buddhismus sei ein Zaubermittel, durch das sich alle inneren und äußeren Schwierigkeiten auflösen würden. Vielleicht spielten auch Enttäuschungen in der Liebe und im Leben eine Rolle – und die jugendliche Schlussfolgerung, dass man allein besser zurechtkomme und leichter glücklich werde.

Ich bestieg im November 1991 den Zug Richtung Fernost, überzeugt, nicht mehr zurückzukehren. Einige Monate später kam ich in einem abgelegenen Waldkloster im Nordosten Thailands an und wurde buddhistischer Mönch.

Damals suchte ich Befreiung durch Disziplin. Strenge Regeln, Einfachheit, Verzicht und Meditation schienen mir der sicherste Weg zu Klarheit und innerem Frieden. Frauen galten in diesem Umfeld nicht selten als mögliche Ablenkung oder Gefahr für den spirituellen Fortschritt. Auch ich übernahm diese Haltung und hielt mich eng an die Regeln des zölibatären Mönchslebens.

Wenn Spiritualität hart macht

Meine Vorbilder waren ältere Mönche, denen Erleuchtung nachgesagt wurde oder die sie mit großer Härte anstrebten. Ich bewunderte ihre Konsequenz – und fürchtete sie zugleich. Heute sehe ich, dass vielen von ihnen etwas fehlte, das ich inzwischen für unverzichtbar halte: Spontanität, Humor, Leichtigkeit, Mitgefühl mit sich selbst und anderen – und die Fähigkeit, sich nicht allzu wichtig zu nehmen.

Ich wollte so werden wie diese Asketen. Dabei verlor ich allmählich den Zugang zu meinem Selbstbewusstsein, zu meiner Intuition, zu meiner Natürlichkeit und zu einfachen menschlichen Bedürfnissen. Das lange Leben in einer zölibatären Männergemeinschaft verstärkte zudem meine Angst vor Frauen, vor Nähe, Sinnlichkeit und Sexualität.

Ein spiritueller Weg, der mit Angst vor dem Körper, vor Beziehung oder vor dem anderen Geschlecht hat, kann zwar äußerlich sehr rein erscheinen. Innerlich kann er jedoch neue Formen von Trennung und Anhaftung erzeugen.

Die geheime Faszination und Lebenskraft in mir ließen sich dennoch nicht völlig zum Schweigen bringen. Erst als mein Körper mit einer schweren Gastritis reagierte, begann ich, meine Lebensform und meinen Umgang mit mir selbst zu hinterfragen. Langsam entstand ein freundlicherer Zugang: zu meinem Körper, zu meinen Mitmenschen, zu meiner Spiritualität und zu meinem Lebenssinn.

Nach zwölf Jahren ließ ich das Mönchsleben hinter mir. Diese Zeit war nicht umsonst – sie hat mich tief geprägt und mir viel gelehrt. Aber sie war für mich nicht der ganze Weg.

Frauen im Buddhismus

Der Theravada-Buddhismus hat Frauen grundsätzlich die Fähigkeit zur Befreiung zugesprochen. Gleichzeitig waren und sind viele seiner Institutionen stark patriarchal geprägt. Frauen wurden respektiert, aber nicht immer gleichgestellt. Sie konnten als Förderinnen der Religion geschätzt werden, während ihre eigene religiöse Autorität begrenzt blieb.

Auch die überlieferte Haltung gegenüber Frauen war oft von Vorsicht und Abgrenzung geprägt. Als Ananda den Buddha fragte, wie Mönche sich Frauen gegenüber verhalten sollten, lautet die traditionelle Antwort sinngemäß: Sie nicht anzusehen, nicht mit ihnen zu sprechen und auf der Hut zu sein.

Das war über Jahre auch mein inneres Motto.

Dabei geht es nicht nur um Frauen. Es geht um eine grundsätzliche spirituelle Frage: Was geschieht mit uns, wenn wir Teile des Lebens, des Körpers und der Beziehung als Bedrohung behandeln? Werden wir dadurch freier – oder nur kontrollierter?

Seit den 1990er-Jahren wurde in Sri Lanka die volle Ordination von Nonnen, der Bhikkhunīs, mit Unterstützung buddhistischer Frauen aus Korea und Taiwan wiederbelebt. Diese Entwicklung ist mehr als eine institutionelle Veränderung. Sie stellt die Frage neu, wie Autorität in einer spirituellen Gemeinschaft aussehen kann: weniger geprägt von Hierarchie und Gehorsam, stärker von Erfahrung, Reife, Beziehung und Mitgefühl.

Der Yoga öffnete eine Tür

Der Yoga kam eher zufällig in mein Mönchsleben. Um die Jahrtausendwende unterrichtete ich Meditation in Männer- und Frauengefängnissen in Sri Lanka. Paddy, eine Australierin, die damals für das Rote Kreuz als Übersetzerin arbeitete, interessierte sich dafür, Yoga in Gefängnissen anzubieten. Das Projekt scheiterte an konservativen buddhistischen Verantwortlichen. Dennoch hatte sie bei mir eine Tür geöffnet.

Durch sie wuchs mein Interesse am Körper, an Gesundheit und an Asanas – Themen, die im Theravada, wie ich ihn damals lebte, kaum Bedeutung hatten. Ich begann Yoga-Retreats zu besuchen und später eine Yogalehrerausbildung in Australien zu machen. Nach vielen Jahren in einer Männergemeinschaft war der Übergang in diese Welt durchaus intensiv: Plötzlich war ich von Körperlichkeit, Offenheit, Lebensfreude und vielen Frauen umgeben.

Es brauchte Zeit, bis ich fern von religiöser Indoktrination lernen konnte, das weltliche und sinnliche Leben nicht als spirituellen Fehler, sondern als Teil meines Menschseins anzunehmen.

Doch auch im Yoga begegnete ich in Indien autoritären, überwiegend männlich geprägten Meister- und Guru-Strukturen. Dort herrschte oft unausgesprochen die Haltung: Der Meister weiß alles, der Schüler muss gehorchen – und Fragen gelten als Zeichen mangelnder Hingabe.

Solche Systeme können Disziplin vermitteln. Aber sie können auch Abhängigkeit erzeugen. Sie können den Körper formen, ohne den Menschen wirklich zu sehen. Und sie können spirituelle Floskeln verwenden, um Macht nicht hinterfragen zu müssen.

Der Körper als Freund

Paddy hatte bei großen indischen Yogalehrern gelernt, war aber in zwischenmenschlicher Hinsicht bitter enttäuscht worden. Deshalb wandte sie sich zunehmend Yoginis wie Angela Farmer und Vanda Scaravelli zu. Auch sie kannten die traditionellen Systeme von innen, entwickelten aber einen anderen weiblichen Zugang zur Praxis.

Es ging nicht mehr darum, den Körper in eine vermeintlich perfekte Asana zu pressen. Es ging darum, ihn zu spüren: seinen Atem, seine Möglichkeiten, seine Grenzen, seine Energie und seine eigene Intelligenz. Der Körper wurde zum Freund – nicht mehr zum Sklaven und Vorzeigeobjekt.

Dieser Satz berührt für mich nach wie vor den Kern einer reifen Yogapraxis. Der Körper ist weder ein Hindernis für Spiritualität noch ein Objekt, das optimiert und ausgestellt werden muss. Er ist ein lebendiger Teil unseres Wesens. Er zeigt uns, wenn wir über unsere Grenzen gehen. Er erinnert uns daran, dass wir nicht nur Wille, Geist und Leistung sind. Nicht jede Härte ist Tiefe. Nicht jeder Verzicht ist Freiheit. Und nicht jede äußerlich perfekte Haltung ist Ausdruck von innerer Wahrhaftigkeit.

Integration statt Kampf

Der Taoismus hat mir später die Bedeutung von Yin und Yang noch deutlicher gezeigt. Ich verstehe Yin und Yang nicht als starre Eigenschaften von Frauen und Männern. Beide Prinzipien leben in jedem Menschen.

In seiner reifen Form kann Yang Klarheit, Richtung, Stabilität, Entschlossenheit und Verantwortung bedeuten. Yin kann für Intuition, Empfänglichkeit, natürliche Rhythmen, Körperweisheit, Beziehung und Mitgefühl stehen. Keines der beiden Prinzipien ist dem anderen überlegen sondern ergänzen sich auf wunderbare und heilsame Weise.

Eine Spiritualität, die fast nur auf Kontrolle, Leistung, Disziplin und Überwindung ausgerichtet ist, kann den Menschen hart machen. Sie kann aus dem Körper einen Gegner machen, aus Gefühlen ein Problem und aus Beziehung eine Gefahr. Umgekehrt braucht ein reifer Weg auch Klarheit, Grenzen und Verantwortung. Reine Beliebigkeit ist keine Befreiung.

Mein persönlicher Weg zeigt mir: Erst durch die Integration jener Qualitäten, die ich lange verdrängt hatte, kamen mehr Weichheit, Balance und Mitgefühl in mein Leben. Erst dadurch konnte ich Spiritualität nicht nur ernst nehmen, sondern auch menschlich leben.

Quellenhinweis:

  • Florian Palzinsky: Wie ein Fremder im Paradies, Edition Summerhill, 2004

  • Claudia Guggenbühl: Frau und Yoga, Vortrag, Volkshaus Zürich, 2008

  • Karma Lekshe Tsomo: Töchter des Buddha