Samstag, 25 Dezember 2021 18:43

Gegen den Strom …

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Brunnen Mond„Es kommt eine Zeit im Leben, da bleibt einem nichts anderes übrig, als seinen eigenen Weg zu gehen. Eine Zeit, in der man die eigenen Träume verwirklichen muss. Eine Zeit, in der man endlich für die eigenen Überzeugungen eintreten muss.“
Sergio Bambaren

Über eine transformierende Notwendigkeit und ausgleichende Tugend

„Gegen den Strom schwimmen“ beinhaltet ein Verhalten oder eine Denkweise, die sich nicht an den Gepflogenheiten und Meinungen der Mehrheit orientiert, die sich nicht daran anpasst oder die sich sogar bewusst gegen die Mehrheit stellt. Gerade in Zeiten, wo eigenständiges Denken und Verhalten stigmatisiert, abgelehnt oder tabuisiert wird, ist es entscheidend, einen genaueren Blick aus unterschiedlichen Perspektiven auf diese transformierende Einstellung zu werfen.

Ein Leben abseits der Norm

Da ich schon mein ganzes Leben lang ein „eigenwilliger Revoluzzer“ gewesen bin, möchte ich zunächst ein paar persönliche Anekdoten mitteilen.

In der Oberstufe war ich schon „grün-alternativ“ eingestellt, als diese neue politische Denkweise mit „weltfremder Spinnerei“ gleichgesetzt wurde und trat sogar wie ein „Beatle“ zur Matura in einem katholischen Privatgymnasium an, das von „Herz Jesu Missionaren“ geführt wurde. Um vor einer Kommission „beweisen“ zu können, dass ich aus Gewissensgründen keinen Militärdienst absolvieren konnte, vertiefte ich mich schon früh in die Philosophie des gewaltfreien Widerstandes a la Gandhi oder Martin Luther King. Als einer der wenigen in meinem Familien-, Freundes und Bekanntenkreis hatte ich keine akademische Laufbahn eingeschlagen, sondern reiste stattdessen für zwei Jahre nach Amerika (das damals noch als „Land aller Möglichkeiten“ galt), arbeitete auf Farmen und ländlichen Kommunen und trampte durch Mittelamerika.

Nicht einmal eine „early midlife-crisis“ brachte mich in die „vernünftigen Bahnen“ des Mainstreams, sondern ganz im Gegenteil: Ich vertiefte mich in die Lehre des Buddha und beschloss, Über Land nach Asien zu reisen, um dort buddhistischer Mönch zu werden. Aber auch in dieser Rolle mit Robe und Bettelschale war ich ein Exot: Nicht nur weil ich einer der ganz wenigen „Weißnasen“ war, sondern weil es mir am buddhistischen Weg in erster Linie um Weltentsagung und Meditation ging und nicht um religiöse Riten und gesellschaftlichen Status. Nach einem Dutzend asketischen Jahren meldete sich meine Intuition und mein Gewissen klar und deutlich, dass es an der Zeit wäre, dieses lehrreiche Lebenskapitel abzuschließen, und ich wagte den Schritt aus der „ungewöhnliche Hauslosigkeit“ in die Normalität der Selbstständigkeit.

Erst mit 36 Jahren machte ich den Führerschein und erst mit 40 nannte ich zum ersten Mal vier gemauerte Wände meine Adresse. Und nach all den Jahren fühle ich mich nach wie vor mehr als Globetrotter statt als Einheimischer, mehr als selbstbewusster Freiheitskämpfer statt als regeltreuer Staatsbürger, mehr als spiritueller Freelancer statt als traditionsgebundener Yogalehrer; und mehr als jemand, der immer wieder neue Wege aus Überzeugung und Intuition ausprobiert, statt als jemand, der ausgetretenen Pfaden folgt, nur weil sie bequem sind, meinem Sicherheitsbedürfnis entsprechen oder einer kurzweiligen Modeerscheinung.

Ver-rückte Entdecker, Erfinder und Künstler

Wer keinen Vogel hat, hat ein leeres Nest im Kopf.“ (Afrikanische Redewendung)

Ich blicke mich in meinem Leben um: Alles, was ich dabei wahrnehme, wurde irgendwann einmal entdeckt, erfunden oder kreiert, weil irgendjemand einmal die gegebenen Gewohnheiten, Regeln und Normen in Frage gestellt, von einem anderen Blickwinkel betrachtet oder über den Tellerrand geblickt hat. Und viele, die ihre Perspektive von der gewohnten Normalität ver-rückt haben, wurden auch von der Mehrheit der Gesellschaft zurecht als Ver-rückte bezeichnet.

Fast alles, was wir heute als selbstverständlich und alltäglich erachten, ist eine Entwicklungs- und Entdeckungsphase durchgegangen, die mit Widerständen, Verachtung, Warnung und Bekämpfung verbunden waren. So war es mit der Entdeckung des heliozentrischen Weltbildes und der Kontinente, mit der Nutzung von exotischen Gemüsen und Gewürzen, mit der Erfindung des Fahrrads, der Dampfmaschine, der Elektrizität, des Automobils, Computers, Internets, Smartphones, etc.

Viele der im Nachhinein berühmt gewordenen Schriftsteller, Musiker, Maler und Künstlerinnen mussten lange Zeit ihre kreativen Wege alleine und ohne Anerkennung gehen. Dies war nur möglich, weil sie unerschütterlich an sich und ihrer Vision geglaubt haben, weil sie sich nicht vergangenheits- und zukunftsbezogen auf das Suchen fixiert hatten, sondern offen waren für das unmittelbare Finden. Pablo Picasso hat diese wahre Kunst der Selbst-Entfaltung einmal so beschrieben: „Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Aber es können nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in der Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht das Ziel bestimmen, und die in aller Angst des Loslassens trotzdem die Gnade des Gehaltenseins zulassen, und das Offenbarwerden neuer Möglichkeiten.“

Gesellschaftlicher Wandel

Zahme Vögel träumen von Freiheit… Wilde Vögel fliegen!“ (Redewendung)

Schwieriger und blutiger als geografische Entdeckungen, technische Erfindungen und künstlerische Neugestaltungen waren oftmals gesellschaftliche und politische Revolutionen und Veränderungen hin zur Demokratie, zu Grundrechten, zur Unabhängigkeit, zur Gleichberechtigung oder zum Wahlrecht.

Scheinbar selbstverständliche Grundrechte werden von unzähligen Menschen getragen, die in der Vergangenheit den Mut gehabt haben, an ihre Visionen zur Menschlichkeit und an ihre Kraft zur Transformation zu glauben; und die sich weder von der konservativen Mehrheit noch von den politischen oder religiösen Eliten abbringen ließen. Einige von ihnen haben dies mit Verbannung, Verachtung oder gar mit dem Tod bezahlen müssen. Viele geniale Freiheits-Visionen sind deswegen im Keim erstickt worden, weil jemand nicht genug Vertrauen, Mut und Liebe zu seiner subjektiven Wahrheit hatte.

Politischer Widerstand

„Tapferkeit ist das Vermögen und der überlegte Vorsatz, einem starken, aber ungerechten Gegner Widerstand zu tun.“ Immanuel Kant

Schon seit meiner Jugend haben mich jene Persönlichkeiten fasziniert, die mit besten Wissen und Gewissen sich - wie David gegen Goliath - gegen geläufige Ungerechtigkeiten oder brutale Diktaturen auflehnten. Der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau ist für mich ein großes Vorbild, nicht nur, weil er sich aus Überzeugung in die Natur zurückgezogen hat („Walden“, 1854), sondern weil er sich auch zu brisanten politischen und gesellschaftlichen Themen eindeutig positionierte („Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“, 1849). Er propagiert ein Gewissensrecht der Moral gegenüber bestimmten Ungerechtigkeiten in der Demokratie:
„Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz. Mach’ dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. Jedenfalls muss ich zusehen, dass ich mich nicht zu dem Unrecht hergebe, das ich verdamme.“

Diese Aufrufe zum zivilen Ungehorsam gegen den Staat inspirierten die Ideen zum gewaltfreien Widerstand von vielen großen Persönlichkeiten. Größte Respekt habe ich auch vor den Untergrund-Aktivitäten der „Weißen Rose“, einer Widerstandsbewegung von Studenten gegen die Nazi-Diktatur. Auch wenn die meisten von ihnen 1943 verraten und hingerichtet wurden, haben sie ein zeitloses politisches „Denkmal“ für Gewissen, Mut und Menschlichkeit hinterlassen.

„Der wirkliche Schaden geschieht durch jene Millionen die „überleben“ wollen. Die ehrlichen Männer die nur in Ruhe gelassen werden wollen. Jene die ihre kleinen Leben nicht durch etwas Größeres als sie selbst gestört haben wollen. Jene ohne Seiten und ohne Gründe.“ Sophie Scholl

Christentum

Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.“ (Hermann Hesse)

Was auf der physischen und politischen Ebene gilt, gilt ebenso für die spirituelle und religiöse Ebene. Heilige Schriften und Mythen sind voller Geschichten, die darstellen, wie Suchende, Weise und Heilige sich gegen die Mehrheit und gegen übliche Meinungen entschieden.

So hat Moses versucht, seine Leute vom „Tanz um das goldene Kalb“ abzubringen. Um wie viele goldene Kälber tanzen wir mittlerweile herum, und wehe es kommt ein Moses und will uns davon abbringen. Ungewohnt aggressiv agierte Jesus gegenüber der Kommerzialisierung des Tempelkults und sein Ausspruch ist legendär „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.“ (Matthäus 21,13). Allerdings leeren sich bei uns die Gotteshäuser zunehmend und die Händler suchen auf anderen Wegen, ihre Geschäfte mit uns zu machen.

In einem Streit mit seinem Vater schrie Franz von Assisi seinen Vater an: "Weder Geld noch Kleider will ich von dir, von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel!" Er rannte aus der Stadt und verabschiedete sich von Herkunft und Gesellschaft, stellte sich gegen die Geldwirtschaft und widmete sich den Armen. Erwähnenswert ist, dass sich das heutige Oberhaupt der umstrittenen katholischen Kirche den Namen dieses einstigen revolutionären Aktivisten gegeben hat.

Buddha

„Buddha war ein Revolutionär! Seine Lehre war subversiv und aufrührerisch. Seine erleuchtete Sichtweise wandte sich gegen die Normen seiner Gesellschaft in seinen Worten gegen den Strom.“ Noah Levine

Eigentlich sollte der adelige Siddhartha Gautama das Fürstentum seines Vaters übernehmen; doch als er mit 29 Jahren gerade Vater geworden war, verließ er über Nacht seine Familie, seinen Palast und seine adeligen Verpflichtungen und machte sich als Bettelmönch auf die Suche nach einer tieferen bedingungslosen Erfüllung. Weder spirituelle Meister noch extreme Askese konnten seine Sehnsucht befriedigen. Erst durch den konsequenten Weg gegen die eigenen Bedürfnisse, gesellschaftlichen Normen und traditionellen Lehren erreichte er einen einzigartigen transpersonalen Zustand: „Jenseits dieser oder einer anderen Welt, jenseits von Kommen, Gehen oder Verweilen, jenseits aller materiellen Wirklichkeit und immateriellen Bereiche. Eine Sphäre, die ohne Objekt und ohne Stütze sei, und 'das Ende des Leidens' darstellt.“

Hinduismus

“Das Gute, das du gestern getan hast, wird dir beim Aufwachen Glück bringen.”

Das Vertrauen in karmische Prinzipien lässt auch in dunkelsten Zeiten ein Licht erscheinen und beflügelt ein Leben voller Selbstbewusstsein und Selbstverantwortung. Dieses Prinzip gilt aber nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern auch auf gesellschaftlichen, religiösen und kosmischen. So sagt Krishna in der Bhagavad Gita: "Immer dann, wenn Rechtschaffenheit (Dharma) abnimmt und das Gegenteil davon (Adharma) zunimmt, dann werde ich mich inkarnieren auf dieser Welt." Um das Gute zu stärken und das weniger Gute zu schwächen, inkarniert sich Gott immer wieder aufs Neue in unterschiedlichen Persönlichkeiten und Formen.

Abseits des Stroms

„Manchmal sollte man weder mit noch gegen den Strom schwimmen, sondern einfach aus dem Fluss klettern.“ (Graffiti)

Es gibt eine dualistische Tendenz in uns: entweder gegen oder für etwas zu sein. Wie befreiend kann es aber sein, zu bestimmten Lebensthemen keine Meinung zu haben und nicht alles verstehen zu müssen. Es kann extrem heilsam sein, wenn ich mich zu Zeiten von schnellem und kompliziertem Leben um mich herum verabschiede und für kurze oder längere Zeit auf ein innerliches Retreat begeben. Dann erst kann ich mich im Vertrauen dem Lebensstrom übergeben und in der Tugend des Nicht-Wissens- und des Nicht-Verändern-Müssens verweilen. Das Leben wird sich dann wieder natürlich entfalten und Heilung kann stattfinden.

„Der Drang nach Veränderung ist der Feind der Liebe. Meint nicht, euch selbst verändern zu müssen: nehmt euch an und liebt euch so wie ihr seid […] dann werden Veränderungen auf wunderbare Weise von selbst eintreten – zu ihrer eigenen Zeit. Gebt euch dem Strom des Lebens hin … frei und unbeschwert von Gepäck!“ Anthony de Mello

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