Dienstag, 08 September 2020 05:48

Spiritualität, Umwelt und Ethik

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Pflanzen Schirm WasserreflktetionTreffen sich zwei Planeten: "Siehst du schlecht aus!“ -
„Ich hab‘ Homo Sapiens ..." - "Keine Sorge, das geht auch wieder vorbei!"

Man kann nur hoffen, dass das Corona-Thema bald verdunsten wird, damit wir uns hoffentlich mit voller Aufmerksamkeit, Kreativität und Kompromissbereitschaft den dringlichen (aber nicht so populären und angstbesessenen) Schwerpunkten wie Umweltbewusstsein und Naturschutz zuwenden können. Zwar sind die „Fridays for Future“ Proteste verschwunden. Aber durch die Corona-Maßnahmen wurde uns vor Augen geführt, wie schnell Veränderung tatsächlich möglich wäre, wenn Regierung und Bevölkerung dahinter eine Notwendigkeit sehen würden. Und zwar zum Wohl für alle und nicht zum Vorteil von Wenigen mit den unvorstellbaren Kollateralschäden für Mensch, Tier und Natur.


Umwelt-Bewusst-Sein als Transformations-Chance

Spiritualität hat für mich immer etwas mit der Aufhebung von begrenztem, exklusivem und linearem Denken und Handeln zu tun, welches die Individualität, das Materielle und Weltliche als das Maß aller Dinge sieht. Stattdessen rückt ganzheitliche Bewusstheit und Mitgefühl in den Vordergrund. Die Art und Weise, wie wir als Individuen und als Gesellschaft mit unseren körperlichen, mentalen und seelischen Facetten umgehen, spiegelt unseren Umgang mit Mitmenschen, Lebewesen und Umwelt wider. Naturverbundene Völker mussten schon vor hunderten Jahren auf brutale Weise erfahren, wie sehr sich unsere „zivilisierten Vorfahren“ von der Natur entfremdet hatten.

Apokalypse

Schon vor 150 Jahren hat Häuptling Seattle mit seiner sensiblen Weitsichtigkeit jene apokalyptischen Katastrophen vorhergesehen, mit denen die ganze Menschheit heute auf komplexe Art konfrontiert ist:
„Mutter Erde und Bruder Himmel werden vom weißen Mann wie Dinge zum Kaufen und Plündern behandelt. Der Hunger der Weißen wird die Erde verschlingen, und es wird nur noch eine Wüste zurückbleiben. Für ihn ist die Erde kein Bruder, sondern er beklaut die Erde, und wenn er an einem Ort der Erde alles geraubt hat, dann geht er zum nächsten Ort. Der weiße Mann beklaut die Erde vor seinen Kindern und nimmt damit den Kindern die Erde weg. Was der Erde zustößt, das wird auch den Söhnen (und Töchtern) der Erde zustoßen. Wenn man also auf die Erde spuckt, dann ist das so, wie wenn man sich selber bespuckt. Denn wir wissen: Die Erde ist kein Eigentum des Menschen, sondern der Mensch gehört zur Erde.“
(Auszug aus: "Die Rede von Häuptling Seattle: Wir sind ein Teil der Erde")

Historische Rücksichtslosigkeit

Allerdings gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse (siehe "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Harari), dass das massive Aussterben von Tieren und Pflanzen, die Abholzung und Verwüstung unseres Planeten nicht erst mit der rücksichtslosen Welteroberung und rücksichtslosen Industrialisierung begonnen hat, sondern schon vor Tausenden Jahren mit der Ausbreitung des Homo Sapiens über den ganzen Planeten im Zusammenhang steht. Sind wir Menschen vielleicht von Natur aus von der Natur entfremdet, und tragen wir in uns – im Gegensatz zu anderen Lebewesen –einen Samen von Rücksichtslosigkeit und „Erbsünde“?

Wege aus dem Egoismus

Auch wenn dem so sei, so verheißen viele spirituelle Traditionen, dass jeder Mensch das Potential in sich hat, darüber hinaus zu wachsen. Egal ob durch Erkenntnis (Jnana), Glaube (Bhakti), selbstloses Handeln (Karma), durch eine ganzheitliche Praxis des Yoga oder durch andere Methoden: Es gibt unzählige Wege, die uns von einer egoistischen, präpersonalen Einstellung zu einer verantwortlichen und rücksichtsvollen Persönlichkeit führen, und darüber hinaus zur transpersonalen Erfahrung von All-Eins-Sein.

Spirituelle Meister als Wegweiser

Im yogischen Kontext drückt Ralph Skuban dies in seinem Buch "Pranayama" so aus: „Mit dem Körper den Körper transzendieren, mit dem Atem über den Atem hinaus und mit dem Geist die Loslösung vom Geist bewirken, mithin die Selbst-Befreiung von allen Gunas, um einzugehen in den großen Ozean des Seins – nichts weniger als das ist das fundamentale Programm des Yoga. […] Und seien wir ehrlich: Würden wir die Jahrtausende alten Texte einer fremden Kultur und Zivilisation heute noch studieren, wenn es darin nur um physische Atem-Praxis und körperliche Gesundheit ginge? Wären Buddha, Laotse, Patanjali oder Jesus so wirkungsmächtig geworden, wenn sie uns bloß körperliche Übungen und Gesundheitsratschläge gegeben hätten? Was all diese Weise und Erleuchteten verbindet, ist das große Ziel, auf welches sie mit jedem Wort hindeuten – auf den absoluten und erlösenden inneren Frieden, nach dem unsere Seele sich seit Äoen sehnt.“

Umwelt-Bewusstsein & Bewusstseins-Entfaltung

Wenn uns Bewusstseins-Entfaltung ein wahrhaftiges Anliegen ist, dann wird uns auch Umwelt-Bewusstsein am Herzen liegen. Doch wir sollten nicht den Fehler begehen, im dualistischen Sinne den Feind draußen zu suchen und zu bezwingen. Charles Eisenstein sieht die Lösung im Kultivieren von Interbeing, ein Begriff der durch Thich Nath Than stark geprägt wurde. Jede - auch kleine - Aktion des Heilens hat eine globale Wirkung auf die Heilung der Erde und umgekehrt. Denn bei genauer Betrachtung besteht sie nicht aus toter Materie, komplizierten chemischen Prozessen und individuellen Lebewesen. „Gaia“ gleicht einem lebendigen Organismus, den wir in seiner unvorstellbaren Komplexität nie wirklich ganz verstehen werden können.

Ganzheitlicher Heilungsprozess

So wäre es einfältig, jede Handlung, jedes Produkt und jedes Lebewesen nur noch im Rahmen von CO2-Emissionen zu beurteilen, denn ein ganzheitlicher Heilungsprozess geht weit über messbare Fakten hinaus. Eine Veränderung des individuellen und globalen Bewusstseins kann nur dann eintreten, wenn uns bewusst wird, wie sehr seelische, soziale und ökologische Prozesse miteinander im Zusammenhang stehen.

Alpha & Omega des Yoga

Mit Besorgnis beobachte ich in letzter Zeit, wie Diskussionen und Aktionen über Umwelt, Corona, etc. zunehmend emotionaler und kompromissloser werden, auch in der Yogaszene. Wenn aber Ahimsa (Gewaltfreiheit) und Satya (Wahrhaftigkeit) das Alpha und Omega des Yogaweges sind, dann macht es für uns Yogis*inis wenig Sinn, sich mit extremen Positionen zu identifizieren, die da sein könnten:
Die esoterischen Illusions-Fanatiker, die sich gerne hinter dem Begriff Maya verstecken und die Alltags-Realität mit ihren Problemen kategorisch leugnen.
Die moralischen Weltverbesserer, die glauben, alle Problemursachen und deren Lösungen zu kennen und mit erhobenem Zeigefinger andere verurteilen.

Freie Ethik

Ein für mich stimmiger spiritueller Lösungsansatz, mit den gegenwärtigen Herausforderungen umzugehen, liegt in der Haltung von „Freier Ethik“. Richard Stiegler meint dazu: „Wenn wir unreflektierte Regeln und Urteile durch Bewusstheit ersetzt haben und Gutsein erfahren, kann es sein, dass wir uns von innen her für eine gewisse Zeit neue Regeln erschaffen. Es entsteht eine freie Ethik.“
1) Freie Ethik kann nur aus Bewusstheit entstehen und dient auch zunehmender Bewusstheit.
2) Sie ist wertfrei und beinhaltet daher keine Aussage darüber, ob du oder andere gute oder schlechte Menschen sind. Grundlage ist das fundamentale Gutsein, vollkommenes Annehmen, Liebe und Verständnis.
3) Da sie wertfrei ist, ist sie weder ausgrenzend noch fanatisch. Auch andere Standpunkte sind in Ordnung und müssen nicht bekämpft werden.
4) Sie dient zur Ausrichtung von Aufmerksamkeit und Lebensenergie, um dadurch heilsame Entscheidungen und Aktionen für dich, andere und die Umwelt treffen zu können.

Haben oder Sein

Mehr denn je wird es Not-wendig sein sich vom Haben zum Sein zu orientieren, von Konsum-Trance zu Bewusst-Sein, von Quantität zur Qualität, von Schnelllebigkeit zur Entschleunigung, von einfältiger Globalisierung zu vielfältiger Regionalität, von künstlichen Krankmachern zu biologischen Lebensmitteln, von I (wie „lllness“) zum WE (wie „Wellness“). Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: „Be the change you want to see in the world!“.

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