Freitag, 12 Juli 2019 11:07

Spirituelle Entfaltung und wirtschaftliches Wachstum: Konflikt oder Symbiose?

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SEA Juli19 blog"Unsere Konsum- und Marktwirtschaft beruht auf der Idee, daß man Glück kaufen kann, wie man alles kaufen kann. Und wenn man kein Geld bezahlen muß für etwas, dann kann es einen auch nicht glücklich machen. Daß Glück aber etwas ganz anderes ist, was nur aus der eigenen Anstrengung, aus dem Innern kommt und überhaupt kein Geld kostet, daß Glück das "Billigste" ist, was es auf der Welt gibt, das ist den Menschen noch nicht aufgegangen.  Deshalb meinen sie, die Reichsten müssten auch die Glücklichsten sein." Erich Fromm

Growing the business - calming the mind?!

Letzte Woche hatte ich die Ehre, bei der internationalen „Startup Executive Academy“ im Schloss Urstein bei Salzburg teilzunehmen. Dabei wurden 16 Entrepreneurs aus ganz Europa unterstützt, wie sie ihre einzigartigen Ideen und Projekte erfolgreich auf den Markt bringen können ... eine große Herausforderung, denn 90 Prozent aller Startup-Projekte verlaufen im Sand.  Zu den Präsentatoren, die für diesen einmaligen Crash-Kurs aus der ganzen Welt eingeflogen wurden, gehörten führende Professoren u.a. aus Stanford, (ehemalige) Mitarbeiter globaler Firmen wie Google, Dolby & Co, Unternehmens-Gründer, Investoren und Manager, die u.a. Silicon Valley so gut wie ihre eigene Westentasche kennen. Ich hatte bis dahin keine Ahnung über business & growth und Fachbegriffe wie R&D, B2B2C, NDA, ZOPA, etc. Vieles klang für mich wahrscheinlich ähnlich fremdartig, als wenn man den Anwesenden Yoga-Philosophie mit Sanskrit-Worten erklärt hätte.

Spiritualität ohne Esoterik & Aerobic

Dabei war meine Aufgabe und Herausforderung, Meditation & Yoga in einer Art zu präsentieren, die weder zu esoterisch abgehoben, noch zu körperlich herausfordernd war. Ich musste also Übungen und Worte wählen, die auch jene „Nerds“ - die meisten davon Männer - verstehen konnten, die noch nie auf Yoga-Matten standen oder eine Meditations-Haltung eingenommen hatten. Wie kann man Menschen, die mit größter Leidenschaft IT-Programmen, Algorithmen und Charts nachgehen, auf den feinen Atem und die pulsierende Lebensenergie hinweisen; auf den Fluss von Gedanken und Gefühlen, und auf die unmittelbare Stille, wo Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen?

Inner balance – healthy business

Mein Motto war dabei: „The best foundation for a healthy business is your inner balance.” Oder anders ausgedrückt: Was nützt dir das beste Geschäftsmodell, wenn du dabei zugrunde gehst. In den zahlreichen persönlichen Begegnungen wurde mir zunehmend klar, wie Stress, Unwohlsein und Burnout fast schon als „part of the business“ angesehen wird. Aber auch ein führender Professor für Management von Stanford hat darauf hingewiesen, dass Menschen mit positiver Lebenseinstellung 10 Jahre länger leben. Allerdings geht es mir im Unterricht nicht bloß um ein Wellnessfeeling. Denn innere Stille ist eigentlich erst das Sprungbrett zu tieferen, transpersonalen Erkenntnissen. Und manchmal braucht es tatsächlich nur ein paar bewusste Augenblicke und Atemzüge, damit sich der Schleier unserer gewohnten Denkmuster hebt und sich unmittelbare Leichtigkeit, Freude und Vertrauen einstellen.

Glück oder Erfolg

Abgesehen von der täglichen Morgen- und Vormittags-Session hielt ich einen zweistündigen Talk. Dabei war es mir wichtig, die Teilnehmer hinter ihren Schreibtischen, Laptops und Smartphones hervorzuholen, um ihnen direkt zu begegnen. Ich präsentierte keinen ausgeklügelten Powerpoint-Vortrag, sondern sprach einfach über mein einstiges asketisches Mönchsleben und über bewährte Faktoren im Leben, die jeder als Kompass für Zufriedenheit und Glück nützen kann. Als ich über Sattvaguna sprach, kam die berechtigte Frage auf, ob man mit so einer Lebenseinstellung erfolgreich sein kann. Um das zu beantworten, muss man sich wesentliche Lebensfragen stellen: „Was ist mir wichtiger: Erfolg oder Glück; Haben oder Sein; viel Geld am Konto oder viel Freude am Leben?“ …. und diese kann jeder nur für sich beantworten. Dabei muss man wohl den einen oder anderen schmerzhaften oder sogar folgenschweren Kompromiss eingehen.

Qualität, Minimalismus & Entschleunigung

Im Zusammenhang mit dem japanischen Konzept von „Ikigai“ ging ich auf jene vier Fragen ein, die als Spiegel für Lebenssinn gesehen werden: „Was liebe ich? Was kann ich gut? Wovon kann ich leben?“ und „Was braucht die Welt?“ Dabei geht es nicht um kurzfristige Befriedigung von indoktrinierten Konsumbedürfnissen, sondern darum, wie kann meine Lebensweise und mein Business zu mehr Lebensqualität und Gerechtigkeit beitragen. Dem noch immer kursierendem Wirtschaftscredo „more & faster = better“ stelle ich „Q.M.E.“ entgegen: Qualität, Minimalismus & Entschleunigung.

Small is beautiful

Nach jedem Fachvortrag im Schloss Urstein wurde mir klarer, wie komplex wirtschaftliche Zusammenhänge sind, die mit zunehmender Größe umso komplizierter werden. Nicht zufällig nannte ich meine ersten soziale Projekte in Sri Lanka „Simple Wisdom“, denn ich erkannte, dass man als kleine einfache Organisation oft sehr flexibel und den Umständen entsprechend effizient agieren konnte. Seitdem ich vor 15 Jahre meinen Lebensunterhalt durch Yoga- und Meditationsunterricht zu verdiene (ich tauschte quasi Almosenschale gegen Yogamatte ; ) , ist mir Unabhängigkeit mindestens so wichtig wie Einkommen. Diese Freiheit ermöglicht mir u.a. jeden Winter eine erholsame und inspirierende Auszeit in Asien. Wenn ich dann höre, wie viele Probleme die Abhängigkeit von Geschäftspartnern, Angestellten, Vorständen, Shareholders, Investoren, etc. mit sich bringen, dann stimmt mein Geschäftssinn am ehesten mit dem zukunftweisenden Motto des Ökonomen Leopold Kohr überein: Small is beautiful!

Wahrhaftigkeit

Interessant fand ich, als ein angesehener Geschäftsmann Trump als den dümmsten Dealmaker nannte, und Mahatma Gandhi als den genialsten, denn es gelang ihm, Indien in die Unabhängigkeit zu führen. Außerdem wurde mir klar, wie viel sich einige yogische Meister mit ihren luftigen Heilsversprechen von erfahrenen Geschäftsleuten abschauen können, die Wahrhaftigkeit als einen wesentlichen Baustein für ein erfolgreiches Business sehen. Klare Statements, belegbare Fakten und stichhaltige Argumente sind dabei genauso wichtig, wie einen ersten und letzten guten Eindruck bei Kunden und Geschäftspartnern zu hinterlassen. Dies gilt für weltliche Geschäfte genauso, wie für spirituelle Berufe; denn niemand kann – auch beim besten Willen - von Luft & Liebe leben.

Emotional & green intelligence

Es ist erstaunlich, dass auch in der „hard-fact-based economy“ 80 Prozent der Entscheidungen intuitiv getroffen werden. Ohne "Emotionale Intelligenz" kann kein Business längerfristig erfolgreich sein. Da ich seit diesem Seminar mein eigenes Mini-Business und die gigantische Wirtschaftswelt mit etwas anderen Augen sehe, werde ich künftig noch bewusster Veranstaltungen planen, Newsletter schreiben und Teilnehmer*innen begegnen.

Trotz der beeindruckenden Vielfalt von Präsentatoren und Entrepreneurs fanden – zumindest für mein grünes und soziales Herz - (über)lebenswichtige globale Themen wie Umwelt, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Zukunft relativ wenig Beachtung. Vielleicht wird aber der gerade verliehene Nobelpreis für Wirtschaft zum Thema Klimawandel und Ökonomie einen neuen ökologischen innovativen Wind wehen lassen.

Retrospektiv bin ich sehr dankbar, dass ich fünf Tage lang in diesem gewaltigen Wirtschaftsmeer ein wenig mitschwimmen durfte. Schlussendlich liegt es an jedem von uns, in wie weit wir unsere spirituelle und wirtschaftliche Einstellung so in Harmonie bringen, dass unser Leben und unser Planet lebenswerter werden.

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s2smodern

3 Kommentare

  • Kommentar-Link Freitag, 16 August 2019 06:59 gepostet von Sandra Schwaiger

    Lieber Florian, danke für diesen Blogeintrag und das Teilen deiner Erfahrung im Bereich Wirtschaft und Business. Ich bin auch eingeladen worden auf einer Internetplattform für Unternehmer und Leader Gastbeiträge zu schreiben und finde es unglaublich spannend sich aus dem yogischen Blickwinkel diesem für uns yogis fast befremdlichen Thema zu nähern. Und gleichzeitig sehe ich eine große Chance, das „harte Geschäft“ lebensfreundlicher zu gestalten, durch Anregung zu simplen Achtsamkeitsübungen entspanntere Atmosphäre in die Büros zu bringen und ein hinterfragen mancher Produkte zu bewirken. ..und „small is beautifull“ kann ich ebenfalls unterstreichen! Schöner Header ? Glg Sandra

  • Kommentar-Link Dienstag, 23 Juli 2019 15:26 gepostet von Heidrun GOLTH

    Lieber Florian!!

    Deine Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und dein Scharfsinn sind nicht nur Wohltuend, sie sind bestechend!!
    Meine Hochachtung und freue mich wieder einmal auf ein Wiedersehen!

    Herzlich und Namaste

    Heidrun

  • Kommentar-Link Mittwoch, 17 Juli 2019 17:54 gepostet von Heidi Urban

    Hallo Florian
    Ich durfte dich am Yoga Festival in Steinberg am See live erleben, deine Worte klingen durch und durch richtig in meinem Herzen an. Auch hier in deinem Bericht kann ich nur wieder bejahend zustimmen. Small is beautiful entstresst, entschleunigt und macht diese innerliche Zufriedenheit die so aussöhnend angenehm ist. Sich nicht mit Werbung, Papieren und übervollen Terminkalender zu quälen erhöt, bei mir zumindest, die Achtsamkeit bei jedem einzelnen Kunden, die Freude hier wirken zu dürfen und meine Berufung zu folgen. Ich bin seit 15 Jahren selbständig und lebe ausschließlich durch Weiterempfehlung von zufriedenen Menschen. Das erfüllt mich mit Glücksgefühlen immer wieder aufs Neue.

    Bin sehr neugierig auf weitere Berichte von dir, mach weiter so. Solche Menschen braucht unsere Welt.
    Namasté

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