Sonntag, 17 November 2019 20:20

Herzens-Gedanken (Teil 1)

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Herzblatt Bali„Zu welchem Ufer willst du gelangen, mein Herz? Es gibt keinen Weg und niemand, der dir vorangeht. Was heißt schon Kommen und Gehen? An jenem Ufer kein Boot und kein Fährmann das Boot zu verankern. Da gibt es weder Himmel noch Erde, weder Zeit noch irgendein Ding, kein Ufer und keine Küste. Bedenke es wohl, mein Herz! Gehe nicht anderswohin.“
Diese Worte stammen vom indischen Mystiker Kabir. Er hatte die Fähigkeit, auf poetischer Weise Bhakti, Vedanta und Sufismus miteinander zu verbinden.

Herz-Esoterik & Herz-Organ

„Herz“ als Begriff und Symbol beinhaltet unendlich viele Facetten. Es ist in allen Kulturen, Religionen und Traditionen ein wichtiger - wenn nicht sogar der wesentlichste - Bestandteil. Weil unsere Lebensumstände zunehmend gedankenvoller und herzloser werden, gewinnt der Herz-Aspekt zunehmend an Bedeutung: Sei es als inflationäres Konsumprodukt oder als unbegreifliches Phänomen. Herzenssymbolik und Wortspielereien kommen in erotischem und romantischem Kontext vor, bei einfältigen Werbeslogans und in berührender Poesie, in religiöser Darstellung, in psychologischen und spirituellen Zusammenhängen, als Ausdruck der Orientierung im Leben und als höchstes Ziel und Essenz unserer Existenz.

„Folge Deinem Herzen!“

wird in der Esoterik- und Yoga-Szene manchmal bis zum Überdruss als Allheilmittel angeboten. Sebastian Gronbach kritisiert die „esoterische Herzens-Bullshit“-Version, und jene des „spirituellen Materialismus“ und die des „Goldene-Kalbes“: ‘Wir sagen tausend Mal am Tag Folge deinem Herzen!’ und denken, alles ist gut. Aber was ist eigentlich wirklich damit gemeint? Bedeutet es, seinen Emotionen zu folgen? Bedeutet es, den kurzen Impulsen zu folgen, die heute in die Richtung und morgen in jene Richtung gehen? Gibt es vielleicht eine Perspektive, dass es immer nur zum höchsten Heil und zur tiefsten Heiligkeit führt? Und gibt es auch eine Perspektive, wo das Folgen des Herzens nur zum größten Unheil und zum größten Leid führt?“
Ich möchte mich hier auf drei heilsame und spirituelle Zugänge beschränken, die sich interessanterweise an drei unterschiedlichen Regionen im Brustbereich befinden:
1) Herzorgan und Sinnlichkeit (links)
Im 2. Teil: 2) Ichbewusstsein und Liebe (mittig) / 3) Höheres Bewusstsein (rechts)

1) Herz als physisches Organ

Alleine die Tatsache, dass das Herz ca. 100.000 Mal am Tag schlägt und in einem Leben ca. drei Milliarden Mal das Blut durch den Körper pumpt, sollte uns bewusst machen, was für ein Wunderwerk uns Tag und Nacht am Leben erhält. Es genügt ein Herzstillstand von einigen Minuten und der ganze unvorstellbare Zauber bricht für immer zusammen.

Gesunder flexibler Herzschlag

Wir fühlen uns erst dann wirklich lebendig, wenn wir im Rahmen eines gesunden Tagesrhythmus spontan und flexibel auf innere und äußere Eindrücke agieren. Ralph Skuban schreibt in seinem Pranayama-Buch: Die Herzratenvariabilität (HRV) ist „ein objektiv ermittelbarer Wert, der die natürlichen Fluktuationen der Herzfrequenz während der Ein- und Ausatmung abbildet. Daraus lässt sich ablesen, inwieweit wir in der Lage sind, uns immer wieder auf die permanenten, sich veränderten Lebensbedingungen einzustellen.“ Oder anders ausgedrückt: „Ein Herz, das mit der Gleichmäßigkeit eines Metronoms arbeitet, spiegelt uns einen kranken Menschen.“

Askese versus Tantra

Zum physischen Aspekt des Herzens zähle ich hier auch Sinnlichkeit und Libido. Dabei prallen in Indien (und in anderen spirituellen Traditionen) extreme Askese und zölibatäres Mönchstum auf tantrische Praktiken und hedonistisches Gedankengut. Einerseits gibt es Sadhus, die ihren Penis verstümmeln, und buddhistische Mönche, die bei sexuellen Handlungen ihren Mönchsstatus verlieren; anderseits gibt es Texte wie die Kama-Sutra und die Vorstellung, dass Sinneslust eines der vier Schätze des Menschseins (Purusharthas) sind.

Die Missbrauchsskandale

in den letzten Jahren auf beiden Seiten, und meine eigene Erfahrung als ehemaliger buddhistischer Mönch und jetziger Ehemann, bekräftigen mich darin, dass ein fürsorglicher Mittelweg einen gesunden und lebenswerten Kompromiss darstellt. Das schließt aber keineswegs aus, dass sich einige Menschen in dem einen oder dem anderen Extrem besser aufgehoben fühlen. Problematisch wird es allerdings dann, wenn man dabei in Intoleranz und Fanatismus stecken bleibt.

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