Samstag, 03 Dezember 2022 11:59

Spirituelle Ziele, Abkürzungen und Umwege (Teil 1)

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sunrise boat blog„Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuem.
Finden – das ist das völlig Neue! Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!“
Pablo Picasso

Über Wege, die wir kreieren, und jene, die uns passieren

Jeder Mensch, der sich bewusst die Zeit nimmt, sich vom Alltag und von der Welt abzuwenden, um Tieferes, Höheres oder Erhabeneres zu erfahren, tut dies aus unterschiedlichen Gründen. Egal, ob es dabei nur um ein paar Augenblicke des Innehaltens geht oder um einen unbefristeten Rückzug: Dahinter schlummern unterschiedlichste Absichten, Schicksale, Schmerzen, Hoffnungen und Visionen. Was aber alle ernsthaften und leidenschaftlich Suchende erfahren: die anfängliche Zielvorstellung gleicht nicht jenem Ort, wo man schlussendlich ankommt; egal ob dies früher oder später geschieht, egal ob mit oder ohne Abkürzungen und Umwegen.

Ziele

Als ich Anfang zwanzig nach Asien aufbrach, war mein Ziel nichts Geringeres, als den buddhistischen Weg bis zur Erleuchtung zu gehen. Bis mich mit den Jahren eine wahrhaftigere Selbst-Einschätzung eines Besseren belehrte und mich zurück auf den allzu menschlichen Boden der Realität brachte.

Auch wenn in manchen esoterischen Kreisen Erleuchtung, Erwachen oder vollkommene Befreiung gerne bis ins Detail besprochen und ausdiskutiert wird: Ich bin der Ansicht, dass solche Gespräche wenig zielführend sind, denn sie erinnern mich an Blinde, die sich über die Farbenpracht unterhalten. Dabei wird mit blumigen Worthülsen und abgehobenen Konzepten versucht, etwas Nicht-Denkbares intellektuell zu begreifen.

Meine spirituellen Ziele sind mit der Zeit und den Erfahrungen bescheidener, aber dafür realistischer und alltagsbezogener geworden. Allein schon die Erkenntnis, dass ich mich etwas weniger und kürzer in Emotionen wie Schmerz, Traurigkeit, Angst oder Wut verwickle, nehme ich dankbar als Erfolg wahr; und dass Lebensfreude und Gelassenheit etwas öfter meine Grundstimmung ausmachen.

Was für ein Segen ist es, mich etwas weniger in der Illusion von Vergangenheit und Zukunft zu verirren und dafür einfach mehr in diesem einzigartigen und wirklichen Lebensmoment da zu sein.
Wie erleichternd ist es, mir etwas weniger über Bewertungen und Vorurteile den Kopf zu zerbrechen, und stattdessen das Herz zu öffnen - zu mehr Liebe und Mut für all die unterschiedlichen Aspekte in mir und um mich herum.
Wieviel Kraft erspare ich mir, mich weniger zu unterschätzen oder zu überschätzen, sondern mit Feinfühligkeit und Bewusstheit wahrzunehmen, wo ich gerade tatsächlich im Leben mit all meinen Stärken und Schwächen stehe.

Verschiedene Ebenen

Damit es mir im Leben und im Alltag gelingt, Unheilsames und Leidvolles zu reduzieren und Heilsames und Freudvolles zu kultivieren, ist es essenziell, dass alle vier Bedürfnisse der menschlichen Existenz gut im Leben integriert werden:
• Befriedigung der Grundbedürfnisse
• Übernahme meiner Verantwortungen
• gesunde Beziehungen
• gelebte Spiritualität

Dies kann allerdings nur dann gut gelingen, wenn ich mir der drei Wirklichkeiten bewusst bin, die in mir und durch mich kontinuierlich wirken:
• die Alltags-Wirklichkeit
• die psychische Wirklichkeit
• die absolute Wirklichkeit

Abkürzungen

„Keine Abkürzung, wenn Gott einen Umweg zeigt!“  Corrie ten Boom

In dem Buch „The Road Less Travelled“ geht es um jene Quintessenz, die mit der Volksweisheit "Jeder ist seines Glückes Schmied" beschrieben wird. Wenn ich den Mut habe, Eigenverantwortung für mein Leben zu übernehmen, werde ich die Probleme, mit denen ich konfrontiert bin, annehmen. Und erst dann wird eine bewusste positive Entwicklung in meinem Leben stattfinden können.

Diese grundlegende Einstellung zum Leben wird nur dann geschehen, wenn ich mich nicht mehr als eine unwichtige und unsteuerbare Nussschale in einem unberechenbaren und unruhigen Ozean erlebe. Oder wenn ich mich als Opfer von widrigen Umständen und Feinden sehe, oder ich mir einbilde, dass mein Schicksal ausschließlich von einem undurchschaubaren, allmächtigen Gott abhängig ist.

Leid ist bekanntlich immer ein unangenehmes Phänomen, das ich nicht mit offenen Armen und einem Lächeln empfange. Und dennoch ist es oft jener notwendige und unumgängliche Faktor, der mich dazu bringt, mich aus einer gewohnten und bequemen, aber unzufriedenstellenden Lebensweise herauszumanövrieren.

Vielleicht entdecke ich dabei sogar den einen oder anderen „Shortcut to Happiness“. Und es kann passieren, dass ich „zufällig“ über mein Schicksal stolpere. Denn das universale Schicksal legt uns immer wieder – wenn die Zeit dazu reif ist - den einen oder anderen Stolperstein in den Weg. Nach einer schmerzhaften Landung am Boden der Realität liegt es dann an mir, die Situation zu verfluchen, oder daraus etwas zu erkennen und zu machen.

Sechs Stützen helfen, um mein Leben wieder zunehmend selbstwirksam in die Hand zu nehmen:
• eine positive Vision
• ein starker Wille
• gute Anweisungen und Lehrer*innen
• eine konsequente Praxis
• viel Geduld
• realistisches Evaluieren.

Umwege

„Der große Weg ist sehr einfach, aber die Menschen lieben Umwege.“  Laotse

Von meiner beschränkten menschlichen Bewusstseinsebene aus kann ich manchmal erst im Nachhinein einschätzen – wenn überhaupt - , ob eine eingebildete Abkürzung vielleicht doch ein anstrengender Umweg war. Oder musste ich erst einen bestimmten Irrweg gehen, um auf den „Highway to Happiness“ zu stoßen.

Das, wovon ich gestern noch felsenfest überzeugt war, hat vielleicht morgen schon keine Bedeutung mehr, um zu mehr Lebensfreude zu gelangen. Und jene Praxis und jener Meister, die ich vielleicht noch vor Kurzem als verrückt eingeschätzt hatte, werden ich vielleicht schon morgen als neuen Lebenskompass wertschätzen.

Wenn ich etwas in den letzten drei Jahrzehnten auf meinen spirituellen Wegen gelernt habe, dann ist es, Vorstellungen möglichst loszulassen und keine schnellen Resultate zu erwarten. Wie im weltlichen Leben, so gilt auch in der spirituellen Welt das 80-20-Pareto-Prinzip.

Wenn die Voraussetzungen stimmen, dann erfahren wir in relativ kurzer Zeit schnelle Ergebnisse. Wenn wir dann aber nach den anfänglichen aufregenden Peak-Erfahrungen ein gewisses Plateau erreicht haben, wird dem Ego bald langweilig. Vorschnell deklariert es dann die Abkürzung zu einem Umweg und schaut sich nach neuen spirituellen Traditionen, Methoden und Entertainern um.

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