Mittwoch, 01 Januar 2020 10:23

Gerechtigkeits-Fixierung oder Kompromiss-Lösung

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Blogeintrag

"Du bist nicht festgelegt auf Deine Vergangenheit,
auf die Verletzungen in Deiner Lebensgeschichte,
auf die alten Muster, die Du von Deinen Eltern übernommen hattest
- oder von wem auch immer -
und die Dich immer wieder am Leben hindern.
Wie immer auch Deine Lebensgeschichte aussieht, was immer Dich belastet,
Du kannst es lassen und neu anfangen." Anselm Grün

Wir alle haben bei bestimmten Themen unsere Fixierung und die Überzeugung, dass wir ganz genau wissen was Gerechtigkeit und Wahrheit ist. Diese verteidigen wir dann manchmal um jeden Preis mit Zähnen und Klauen. Deswegen habe ich großen Respekt vor jenen Politker*innen, egal welcher Partei, die Koalitionsverhandlungen trotz unterschiedlichster Meinungen erfolgreich zu Ende gebracht haben.

Kompromiss als Lösung

Wenn bei solchen politisch brisanten Zusammenkommen jeder nur auf seiner Überzeugung, Wahrheit und seinen Wählerstimmen beharren würde, könnte dabei auch nach hundert Jahren Sondieren und Verhandeln keine sinnvolle politische Lösung herauskommen. Eine Lösung bedeutet dabei immer einen Kompromiss. Dem geht oft ein schwieriger Prozess vorher, der mit Offenheit zu tun hat; und mit Interesse, Zuhören, Aufeinander-Zugehen und der Fähigkeit, die eigenen Standpunkte bedacht und klar zu formulieren, ohne diese schon in Zement gegossen zu haben. Wenn dann tatsächlich so eine gemeinsame, ungewisse und risikoreiche Reise gelingt, bei der anfänglich vielleicht ein Ziel noch gar nicht vorstellbar war, dann ist dabei sicherlich ein Stück Reifung passiert, sei es individuell oder in der Gemeinschaft.

Andreas Koller schreibt im Leitartikel am 5.1.2020 unter der Überschrift „Wir haben verlernt, mit Kompromissen zu leben“ in den Salzburger Nachrichten: „Hinter der tagespolitischen Diskussion steckt ein grundlegendes Problem: Unsere öffentliche Diskussionskultur, die sich dank digitaler Kommunikationstechnik auf immer schnellere, oberflächlichere, kürzere Meinungs-Bytes beschränkt, kann mit dem Phänomen des Kompromisses nicht mehr umgehen. Ein Argument das nicht auf eine Schlagzeile, eine Twitter-Nachricht, einen „Like“ auf Facebook reduziert werden kann, tut sich schwer, Akzeptanz zu finden. So wie die digitale Kommunikation im Grunde nur aus Nullen und Einsern besteht, besteht die heutige politische Kommunikation nur noch aus Ja oder Nein, schwarz oder weiß, gut oder böse.“

Wenn so ein beeindruckender Erfolg der Zusammenarbeit ausgerechnet Politiker*innen gelingt, mit all ihren bekannten und ominösen Schwächen, warum ist es dann in der Partnerschaft oder in der Familie manchmal so schwer, Lösungen und Kompromisse zu finden? Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir im privaten Kreise nicht gezwungen sind, in der Öffentlichkeit vor laufenden Kameras und unter Zeitdruck irgendwelche Resultate vorlegen zu müssen; oder wir uns unsere Unfähigkeit zur Zusammenfindung und Zusammenarbeit eingestehen müssen. Vielleicht fehlen uns beim Umgang mit unseren Bekannten und Verwandten einfach der nötige Respekt und Verhaltensregeln, und wir hauen dann manchmal emotional und unbedacht aufeinander ein. Dabei haben Politiker*innen wesentlich weniger zu verlieren, denn sie können jederzeit von ihren Ämtern zurücktreten; aber mit unserer Familie sind wir bis zum Lebensende verbunden, egal ob wir es wollen oder nicht.

Totschlagargumente in einer Auseinandersetzung können dabei so objektiv und seriös klingende Worte wie „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ sein. Damit bringe ich in einer Auseinandersetzung unzweifelhaft zum Ausdruck, dass es nur eine Wahrheit und Gerechtigkeit gibt, und auf die habe ich Anspruch. Das heißt auch zugleich, dass der andere sich natürlich auf die falschen und ungerechten Argumente stützt. Bei wie vielen Kriegen und Auseinandersetzungen haben beide Seiten für das Wahre und Gerechte gekämpft; das war und ist zwischen Staaten genauso wie zwischen Religionen, spirituellen Gruppierungen, Parteien, Gesellschaften, Berufsgruppen, Generationen, Geschlechtern, Nachbarn und in der Familie.

Unser Bundespräsident Van der Bellen, hat nach den letzten Wahlen einmal gesagt: "Verzichten wir öfter auf das 'entweder, oder' und ersetzen wir es durch ein 'und'". Als Beispiele nannte er etwa Wirtschaft UND Klimaschutz, Tradition UND Neues, Österreicher sein UND Europäer. Denn: "Im Gemeinsamen liegt oft die bessere Lösung." (Kurier, 26.10.2019)

Noch effektiver als der verbale Beschuss über oder unter der Gürtellinie, ist bei psychologischen Grabenkämpfen die Waffe der völligen Kommunikations-Verweigerung. Dabei verschanzt sich das "Opfer" solange hinter einer Mauer des Schweigens, bis der "Täter" aufgibt und selbst zum "Opfer" wird. Wenn in einer Familie, bei Erbschaft oder Trennung um irgendwelche Immobilien, Gegenstände oder Geldbeträge gestritten wird, ist das oft nur die materielle Oberfläche. Wahrscheinlich geht es dabei mehr um unsichtbare und tiefe psychische Verletzungen und Narben; also um unerfüllte Bedürfnisse, die unter Umständen bis in die früheste Kindheit zurückreichen.

Über Weihnachten habe ich mich alleine auf eine Almhütte zurückgezogen und dabei ein Buch gelesen, das ich jedem ans Herz legen kann, der lernen will, wie man mit Unstimmigkeiten und Konflikten umgeht: „Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt“ von Serena Rust.
Darin geht darum, wie man die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation im Alltag umsetzt:
1) Beobachten statt zu bewerten.
2) Persönliche Gefühle auszudrücken statt Schuld zuzuweisen.
3) Sich die dahinter liegenden Bedürfnisse bewusst zu machen, statt strategisches Vorgehen.
4) Eine konkrete Bitte zu formulieren, statt Forderungen zu stellen.

In dem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass es vielleicht gar nicht mehr als fünf Grundgefühle gibt: Freude, Angst, Schmerz, Trauer und Aggression (und viele andere Gemütszustände sind Facetten davon). Diese manifestieren sich, wenn bestimmte Bedürfnisse in uns erfüllt oder nicht erfüllt werden und davon gibt es, vereinfacht gesagt, nur zehn Arten, die jede Menschseele in sich trägt: Lebenserhaltung, Sicherheit, Liebe, Wahrheit, Mitgefühl, Zugehörigkeit, Sinnhaftigkeit, Gerechtigkeit, Autonomie und Feiern (den letzten Punkt finde ich am wichtigsten ;)

Dieses psychologische Konstrukt kann helfen, dass man innerlich eine gewisse Gelassenheit und ein Mitgefühl bewahrt, um sich nicht in einen emotionalen Abwärtsstrudel hineinziehen zu lassen. Das heißt, ich übernehme auch in solchen heiklen, persönlichen Situationen die volle Verantwortung über mein Glück oder Unglück, und sehe in jedem Problem auch eine Chance persönlich und in der Gemeinschaft zu wachsen.

Damit in den eigenen vier Wänden anzufangen, wäre schon einmal ein guter Vorsatz für das neue Jahr!

[Das Photo habe ich am 24. Dezember 2019 auf der Eisenau-Alm gemacht.]

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