Freitag, 20 März 2020 10:09

Ein unfassbarer Virus als Lebenschance

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Ibiza sunrise„Ned virifirchten und ned nochijammern!“ (Sich weder vorausfürchten noch nachjammern!)
Die Lebensweisheit einer alten Bäuerin

Weckruf

Wann war das Leben für die Menschheit zuletzt so unsicher, verletzlich und unvorhersehbar? Ich sehe schockierende und zugleich berührende Berichte im Fernsehen, die mich an kriegsähnliche Zustände oder an einen apokalpytischen Science-Fiction Film erinnern, und das mitten im scheinbar so wohlhabenden und stabilen Europa. Quer über den Globus und durch die Gesellschaft scheint jeder in irgendeiner Weise betroffen zu sein. Von einem Tag auf den anderen erkennen wir, wie unersetzlich die so stiefmütterlich behandelten Gesundheitsberufe sind und dass ein LKW mit Schutzausrüstung mehr wert ist, als ein Goldbarren-Transport. So sehr mich all diese individuellen und nationalen Schicksale berühren, sehe ich dennoch darin eine einzigartige Chance für unser Leben und unseren Planeten.

Coronavirus: Eine spirituelle, psychologische und gesellschaftskritische Annäherung

Was werden wir morgen, in einer Woche, in einem Monat oder in einem Jahr denken, wissen, sagen und tun? Kein Wissenschaftler, Zukunftsforscher, Wirtschaftsfachmann, Politiker, Journalist, Priester, Guru oder Yogi kann dies vorhersehen. Eigentlich ist jeder Tag von einer gewissen Unsicherheit und Unmittelbarkeit geprägt, aber unsere Alltagsroutine und Gewohnheiten lassen diese Tatsache verblassen; zumindest solange, bis uns irgendein einschneidendes Ereignis, eine schwere Krankheit, ein bitterer Verlust, ein gesellschaftlicher Umbruch oder eine globale Katastrophe aus dieser Trance wachrüttelt.

Die Wahrheit vom Leid

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Buddha in seiner ersten edlen Wahrheit nicht sukha (Glück) sondern dukkha (Leid) definiert hat. Denn es gibt existenzielle Grenzen, wie Vergänglichkeit, Ohnmacht oder Schmerz, die jeden Menschen früher oder später betreffen. Anstatt sich diesem unausweichlichen Phänomen bewusst zu werden, sind wir viel zu oft damit beschäftigt, es auf stumpfsinnigste und kreativste Art und Weise zu ignorieren, zu verdrängen, zu verniedlichen oder schön zu reden.

Die Lektion

Es bleibt also dem lieben Gott, höheren Bewusstsein, Universum, Karma - oder wie auch immer du diesen schicksalshaften und unbegreiflichen Faktor nennen willst – nichts anderes übrig, als uns zu bestimmten Zeiten ordentlich eine über die Rübe zu hauen. Denn nur dann besteht die Chance, dass wir aus unserer gewohnten Benommenheit und zerstörerischen Gier aufwachen. Ein Schicksalsschlag ist aber leider noch kein Garant, dass wir unsere verrückte Lebensweise ändern. Vielleicht brauchen wir noch weitere Tritte in den Hintern, ganz nach dem Motto von Cherie Carter-Scotts, „the Mother of Coaching“: „Es gibt keine Fehler, nur Lernchancen.“ und „Die Lektion wird wiederholt, bis du sie gelernt hast.“ (Regeln für das Menschsein)

Selbstkompetenz

Ein großer und üblicher Irrtum ist, andere Menschen, Mächte und Lebensumstände für das eigene Unglück verantwortlich zu machen. Wenn wir diese Ent-täuschung tiefgreifend verstehen, dann schaltet sich unser Jammerlappen- und Schuldzuweisungs-Modus in ein reifes Selbstbewusstsein und eine mitfühlende Selbstkompetenz um; und zwar in Bezug auf alle Lebensbereiche: Gesundheit, Ernährung, Work-Life-Sleep-Balance, Gemeinschaft, Spiritualität, etc. (mehr dazu in meinem letzten Blogbeitrag)

Stoische Ruhe

Das bedeutet aber nicht, dass wir immer aktiv sein und alles optimieren müssen. Manchmal kann eine stoische Ruhe die beste Antwort auf ein dringendes Problem sein. Schon im antiken Griechenland (höchstwahrscheinlich inspiriert durch Buddhismus) lehrten die Stoiker ethisches Verhalten, emotionalen Gleichmut, Unerschütterlichkeit gegenüber negativen Ereignissen sowie Selbstgenügsamkeit.

Leben im Hamsterrad

Genau diese resilienten Lebensqualitäten werden durch unseren highspeed lifestyle, durch unser blindes Konsumverhalten und durch das Wirtschafts-Credo „immer mehr, höher, besser, schneller“ zunehmend in den Schatten gestellt. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass Runterkommen und Entspannen zunehmend zum Trend werden, sei es in luxuriösen Spa-Hotels oder in normalen Yogastunden. Wie verändert sich in solchen Verschnaufpausen tatsächlich die Grundhaltung zu uns selbst, zum Leben, zur Umwelt und zu unserem Planeten? Vielleicht sind wir dadurch einfach nur fitter, um anschließend noch schneller im Hamsterrad weiterzulaufen.

Ausnahmezustand

Was passiert, wenn das Pausieren für Einzelne und für einen Großteil der Gesellschaft nicht nur kurz und freiwillig ist, sondern lang und aufgezwungen? Was passiert, wenn der Stresslevel für ungewisse Zeit gesund hoch bleibt? Das konnten und wollten wir uns bis jetzt nicht wirklich vorstellen ... jetzt ist es soweit! Wie in jedem Ausnahmezustand zeigen sich hier unsere wahren Charakterzüge und wie sehr wir tatsächlich in unserer ethischen Haltung, unseren Glaubenssätze und unserer spirituellen Praxis gefestigt sind, oder nicht.

Charakterbildung

Dass wir so verschiedenartig auf diese Krisensituation reagieren, hat mit unseren unterschiedlichem Betroffenheitslevel, Informationsquellen und mit unseren individuellen Charakterzügen zu tun. Die persönlichkeitsbildenden „Big Five“, Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus, sind in jedem von uns unterschiedlich stark entwickelt. Dabei gehen Wissenschaftler davon aus, dass 50 Prozent unserer Gefühlswelt genetisch und 10 bis 20 Prozent durch unsere Lebensumstände geprägt sind (GEO-Wissen Nr. 66). Der Rest steht uns tagtäglich zur Verfügung, ob wir als Schmied für unser Lebensglücks agieren, uns Hindernisse in den Weg legen oder unser eigenes Grab schaufeln. Dies gilt in bestimmter Hinsicht auch für ganze Gesellschaften.

Reaktionsvielfalt

Einige sehen diese Krise als totale Katastrophe, andere als einzigartige Chance; einige schauen nur auf das offensichtlich Schreckliche, andere auch auf verborgene Schönheiten; bei einigen kommt ein unerwarteter Egoismus auf, andere fühlen sich plötzlich zu heldenhaften Aktionen berufen; bei einigen wird es zur Scheidung kommen, andere werden in neun Monaten ein weiteres Familienmitglied begrüßen; einige versinken in Depression, andere in ungeahnte Kreativität; einige werden durch Angst gelähmt und andere durch Liebe geöffnet. Einige lassen sich unter diesen ungewöhnlichen Umständen von der Massenhysterie mitreißen und andere nutzen sie als Tor zur unfassbaren Mystik des Lebens.

Wer steckt dahinter?

Fast schon so schlimm wie diese Pandemie, sind die damit zusammenhängende Infodemie und Verschwörungstheorien. Auch ich habe diesbezüglich eine: der Mutter Erde wurde gerade in letzter Zeit so stark zugesetzt, dass sie Fieber bekam. Um sich zu schützen, hat sie zu einer radikalen Strategie gegriffen, denn wer die alarmierenden Zeichen der Zeit nicht wahrhaben will, muss fühlen!

Der Profiteur Umwelt

Sogar Wissenschaftler sind erstaunt, wie schnell sich Wasser- und Luft-Qualität erholen, sobald es zu einem menschlichen standby und shutdown kommt. Was Umweltschutzorganisationen in Jahrzehnten und Fridays for Future in Monaten nicht geschafft haben, das hat ein unfassbarer Virus in wenigen Wochen geschafft. Wahrscheinlich werden dieses Jahr die meisten Staat ihr Klimaziele gezwungermaßen doch erreichen. Veränderung ist also doch möglich, wenn wir alle wirklich wollen und an einem Strang ziehen. Dass der Motor dahinter nicht Erkenntnis und Fürsorge ist, sondern Angst und Panikmache, ist allerdings ein Armutszeugnis für uns Homo sapiens.

Das Zeitalter n. Cor.

Der Zukunftsforscher Matthias Hoarx schreibt in einer wunderbar herzöffnenden RE-gnose unter der Überschrift "Die Welt nach Corona": „Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.“ Wenn wir n. Cor. (nach Corona) nichts dazu lernen werden und weiterhin so unbekümmert mit Flugzeugen, Kreuzschiffen oder auf Skipisten herumdüsen, Tiere und Umwelt brutal missbrauchen oder Kleidung um jeden Preis herstellen (das sind einige der Hotspots die sowohl für die Pandemieausbreitung als auch für Umweltzerstörung stehen), dann wird der Planet vielleicht schon bald wieder ihren egoistischsten Mitbewohnern eine heftige Lektion erteilen.


Postscriptum

Corona ist nicht nur der Name eines infektiösen Virus, sondern es bedeutet im Latein auch „Krone“ und „Heilgenschein“. Das sind Symbole, die für Veredelung und Power stehen, aber auch dafür, das eigene beschränkte Menschsein durchschaut zu haben. Die heilige Corona ist eine frühchristliche Märtyrin und Patronin u.a. der Schatzgräber und wird in St. Corona (NÖ) als Helferin gegen Seuchen angerufen. Das Corona-Gebet ist ein volksmagisches Ritual, das zum Aufspüren verborgener Schätze diente.

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2 Kommentare

  • Kommentar-Link Samstag, 21 März 2020 18:13 gepostet von Christine Plenk-Holtkotte

    Lieber Florian,

    Der Coronavirus lehrt uns alle wesentlichen Dinge, wir eigentlich an diesem Wochenende im Seminar besprechen wollten. Klasse oder.

    Ganz liebe Grüsse
    Christine

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  • Kommentar-Link Samstag, 21 März 2020 12:12 gepostet von Emil Wendel

    Lieber Florian,
    Wie üblich in Deinen persönlichen Nachrichten für uns hast Du den Finger am Puls.
    Das kurze Hamsterrad-Kapitel ist exzellent. Danke!

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